Referat an der Versammlung der IP Schweiz vom 05.12.2021 in Luzern
Es ist offensichtlich. Die Menschheit befindet sich zurzeit mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Alle reden von erneuerbarer Energie, vom CO2-Preis, von der zu erwartenden Stromlücke, von der epidemischen Lage, von den überlasteten Intensivstationen, von Booster-Impfungen und der Anzahl Impfgegnern, von der globalisierten Wirtschaft und von unterbrochenen Lieferketten, von fehlenden Chips und geschlossenen Autofabriken und, oh Schreck und oh Graus, von nicht zu erreichendem, budgetiertem Wachstum und von entgegen aller Vernunft boomenden Börsen, nur weil das Kapital nicht mehr weiss, wohin es gehen soll, wo es doch seine neoliberale Bestimmung ist, jährlich 10 bis 20 Prozent zu wachsen.
Sturmgepeitschter, tiefgreifender Wandel in Aktion.
Klimawandel? Epidemie? Ja, aber nicht nur!
Wir erleben gerade eine Zeitenwende! Wir kommen aus einem Zeitalter der Orientierung am Mangel, den wir mit allen Mitteln gierig zu kompensieren versuchten. Konsumieren und horten und haben, haben, haben. Und stehen ganz unerwartet auf der Schwelle des Zeitalters der Fülle, des Zeitalters des Seins.
Und was ist die Reaktion unserer Mitmenschen? Grob zusammengefasst: Die prärationalen Prämodernen, sie sind bei uns in der Schweiz am ehesten in der Nähe der SVP zu finden, sehnen sich nach der ach so schönen und guten Vergangenheit zurück. Die das Rationale betonenden Modernen finden sich – als Ich-zentrierte – in der Umgebung der FDP. Die Wir-Zentrierten werden durch die SP repräsentiert. Sie versuchen die akribisch festgestellten Fehler und Mängel aus der Vergangenheit zu korrigieren, setzen aber weiterhin auf ein wirtschaftliches Wachstum. Blind in der Richtung der begrenzten und ständig abnehmenden Ressourcen, geblendet von den hell leuchtenden und wärmenden Strahlen in der Richtung des Sicherheit vortäuschenden Reichtums.
Die Postmodernen, die Grünen geben sich alle Mühe, die von unserem Planeten zur Verfügung gestellten Materialien und Energien zu schonen. Aber auch ihre Politik besteht im Korrigieren und Verbessern der offensichtlich gewordenen Mängel. Dabei ist nie so ganz sicher, wie lange das Geflickte seiner Beanspruchung standhält. Denn auch die Postmoderne verändert die Vergangenheit, ohne ihre Massnahmen nach der Zukunft auszurichten. Ihr auf Zukunftsangst basierender Antrieb lautet: „Den Klimawandel minimieren.“ Das ist zwar richtig und wichtig, aber nicht gross genug gedacht.
- Wo sind die Menschen, die den Kampf gegen die Klimaerwärmung nur als besonders drängenden Teilaspekt einer viel umfassenderen Zeitenwende sehen?
- Wo sind die Menschen, die sehen, dass die im Gang befindliche Zeitenwende nicht nur eine materiell-energetische, sondern auch eine geistige, eine spirituelle Seite hat?
- Wo sind die Menschen, die das Wesen des Daseins als ein Ganzes erahnen und aus innerem Wissen ein einfaches und erfülltes Leben leben?
- Wo sind die Menschen, die nicht blind gegen den Wandel ankämpfen, sondern alles daran setzen, die inhärenten kraftvollen Energien des Wandels zu nutzen, um das begrenzte materiell-wirtschaftliche Wachstum durch ein unbegrenztes psychisch-spirituelles Wachstum zu ersetzen?
- Wo sind die Menschen, die die Schönheit, die Wahrheit und die Liebe des Seins erkennen und diese Fülle auch in der Alltagswelt zum Ausdruck bringen wollen?
- Wo sind die Menschen, die angstfrei und erfüllt vom Geist der Zeitenwende dem Leben vertrauen und ihren Beitrag zum Aufbau einer integralen Gesellschaft leisten wollen?
- Wo sind die Menschen, die sich freuen, dass die Zeitenwende begonnen hat?



2 Responses
‚Wo sind die Menschen, die den Kampf gegen die Klimaerwärmung nur als besonders drängenden Teilaspekt einer viel umfassenderen Zeitenwende sehen?
Wo sind die Menschen, die sehen, dass die im Gang befindliche Zeitenwende nicht nur eine materiell-energetische, sondern auch eine geistige, eine spirituelle Seite hat?‘
Der für mich glaubwürdigste Mensch zu obigen Fragen von Gary Zemp sehe ich in Papst Franziskus. Als nicht-katholischer Leser bin ich beeindruckt über die Klarheit seiner Sprache, sein Aufzeigen von grundlegenden Zusammenhängen und die Demut, bei der Umsetzung des Wandels bei sich selbst zu beginnen und sich nicht zu schade sein, sich die Hände schmutzig zu machen.
Was heisst das: sich die Hände schmutzig machen? Es heisst, vom hohen Thron der reinen und richtigen Ideologie oder Religion herabzusteigen in die Niederungen des Lebens. Nahe zu sein bei den Benachteiligten, widerständig zu sein gegen die Reichen und Mächtigen der Welt. Bereit sein, Kompromisse und Unzulänglichkeiten mitzutragen. Sein Buch ‚Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus‘, sei jedem IP-nahen Menschen sehr zum Lesen empfohlen.
Das zweite Buch ‚Amoris Laetitia – Freude der Liebe‘, hat mehr die geistig-spirituelle Wandlung im Blick. Man sollte sich – als nicht oder anders Glaubender – von der römisch-katholischen Sichtweise zu gewissen Dingen nicht abschrecken lassen und die universalen Themen über Spiritualität, Beziehungen und Liebes-Fähigkeit trotzdem lesen. Oder Hans Küng’s Bücher ‚Spurensuche‘ und ‚Welt-Ethos‘.
Und sich dann selbst in die Niederungen des Lebens zu begeben, z. B. mit Freiwilligenarbeit in der Pfarrer-Sieber Stiftung, der Heilsarmee, der Arche, der Nachbarschaftshilfe, mit Spitalbesuchen oder Sterbebegleitung, Mentor für Jugendliche, Begleitung von Flüchtlingen und vieles mehr.
Lieber Gary, ich danke Dir ganz herzlich für diesen tiefgründigen Kommentar. Es zeigt sich heute einmal mehr, dass vom bestehenden politischen System, der Wirtschaft und der Wissenschaft kaum Änderungen erwartet werden können, denn durch die Beschäftigung mit Corona haben sich die meisten von den wirklich wichtigen Themen, die Gary oben anspricht, weiter entfernt. Viel eher erachte ich eine Wende von unten als realistisch ein: jeder Einzelne kann beitragen zur neuen Ausrichtung, indem er für sich sein Verhalten ändert, jeder soll das beitragen zur weiteren Entwicklung, was ihm am meisten unter den Nägeln brennt. Deshalb ist ip ja eine Partei und eine Bewegung.