Als langjähriges Mitglied des Politischen Ausschusses wurde ich gebeten, einige Erfahrungen aus der Erarbeitung der politischen Kommentare zu schildern.
Beginnen möchte ich mit einer oft an uns gerichteten Frage: «Warum beschäftigt ihr euch mit Volksabstimmungen? Die wirklichen Probleme liegen doch viel tiefer!»
Eine mögliche Antwort ist: Ja, die Wurzeln vieler Schwierigkeiten liegen tief, und sie werden fast nie in die politische Entscheidungsfindung einbezogen. Warum ist das so? Erwächst dieses Nichtbefassen mit den Wurzeln der zu behebenden Probleme daraus, dass es sehr schwierig ist, die Ursachen zu finden, und dass die Suche wie auch die Heilung sehr viel Zeit beanspruchen? Oder liegt es daran, dass wir die Beschäftigung mit unangenehmen politischen Problemen, die von selbst auf uns zukommen, aus Angst vor unseren Schatten meiden?
Im Politischen Ausschuss möchten wir dieser Schattenarbeit nicht ausweichen, sie also auch beim Erarbeiten der Kommentare, wo möglich, einbeziehen. Ich denke dabei aber nicht an eine künstlich herbeigezogene Therapie. Dafür fehlt die Zeit. Es geht direkter, nämlich indem wir uns mit dem beschäftigen, was tagtäglich auf uns zukommt. Es wird zunehmend deutlicher erkannt, dass man durch ein konzentriertes Annehmen der Alltagsaufgaben besonders schnell zu den tiefer liegenden Schatten kommt. Deshalb zählt auch die sich rasch ändernde Tagespolitik zu den auf uns zukommenden Aufgaben, denen wir nicht ausweichen wollen.
Genereller ausgedrückt, betreiben alle Menschen jeden Tag Politik, bewusst oder unbewusst, einschliesslich jener, die glauben, sich davon fernhalten zu können. Beispielsweise wenn ihr einkauft: Geht ihr zu einem «Grossverteiler»? Wenn ihr euch informiert: Vertraut ihr den «Leitmedien»? Wenn ihr krank werdet: Konsumiert ihr Pharma-Erzeugnisse? In welche Schule schickt ihr eure Kinder? Werden sie dort gross oder klein gemacht? Solche alltäglichen Entscheidungen beeinflussen das Leben von uns und unserer Mitwelt weit mehr als die wenigen Abstimmungen, zu denen wir aufgerufen werden. Wisst ihr, wie viele Entscheidungen auf Bundesebene getroffen werden? Vergleicht sie mit den wenigen Volksabstimmungen. Die gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürger können bei rund einem Tausendstel aller Neuregelungen mitstimmen. Alle anderen Regelungen haben wir an die Volksvertreterinnen und Volksvertreter delegiert.
Dieser bescheidenen Einflussmöglichkeit auf die Tagespolitik sind wir uns bewusst. Trotzdem machen wir die Abstimmungskommentare. Wir sehen darin eine günstige Gelegenheit, oft vernachlässigte Betrachtungen und Einflüsse ins Gespräch zu bringen. Dazu gehören weltanschauliche und spirituelle Überlegungen, Gefühle, die sich zu einem Thema einstellen, und ein bewusstes Abgleichen mit dem, was unsere Intuition, auch Geistkörper oder Seele genannt, uns erspüren lässt. Über solches Bestreben gelingt es uns leichter, Grundlegenderes über ein anstehendes Thema vorzulegen, als ohne dieses Vorgehen.
Demzufolge sehen wir den Nutzen unserer Kommentare nur nebensächlich darin, eine Ja- oder Nein-Empfehlung zu erarbeiten. Viel wichtiger ist uns, aufzuzeigen, ob eine Abstimmungsvorlage in Richtung unserer Vision geht. Oft können wir damit den Blick auf neue Möglichkeiten zur Lösung der derzeitigen Schwierigkeiten richten. Wenn es damit gelingt, die Lesenden anzuregen, schrittweise ihr Bewusstsein auszudehnen, also sich einem integraleren Denken und Verhalten anzunähern, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Remy Holenstein
Alles Liebe
Remy
Politischer Ausschuss
Mitglied Innerer Kreis IP Schweiz



2 Responses
Lieber Remy
Zunächst möchte ich Dir für Deine Gedanken und Deine hinterfragende Offenheit herzlich danken. Da mehr und mehr Organisationen sich in den letzten Jahren aus der offiziellen Politik verabschiedet haben, da sie die Mainstreemmedien und die gesamte Politik für gekauft und manipuliert halten, bin ich der IP dankbar, dass sie sich nicht total aus dem herrschenden politischen System verabschiedet hat. Auch ich habe grosse Mühe mit den wirtschaftlichen Verflechtungen unserer gewählten Abgeordneten im Parlament und den erlaubten Lobbyisten in den Wandelhallen, über deren Zulassung wir meines Wissens nie abstimmen konnten.
Trotzdem gehe ich treu wählen und abstimmen, um diese Einflussnahme nicht vollends den traditionellen Parteien und ihren Lobbyisten zu überlassen. Dass es heute keine Zystiades, Baumanns und Pfarrer Siebers mehr im Parlament gibt, welche sich quer zu den Bürgerlichen als Individuen exponieren, empfinde ich als echten Verlust. Es wäre schön auch nur eine Stimme der IP im Parlament zu haben. Im übrigen wäre eine Demokratie auch weiter zu entwickeln z.B. mit Bürgerräten oder wie ich vor 10 Jahren vorgeschlagen habe, mit einer Zukunftswoche im Parlament und zwei anschliessenden «normalen» Sessionswochen. In dieser ersten Woche, an welcher z.B. die IP ausgewählte ExperInnen einladen könnte, welche die Herausforderungen aufzeigen, welche auf uns als Gesellschaft zukommen. Dies in öffentlichen Vorträgen im Bundeshaus zu denen sich quer zu den Parteien Arbeitsgruppen zusammenfinden. Bis am Samstag haben diese die Aufgabe, Meilensteine auf dem Weg zu Lösungen zu formulieren – welche sie wiederum im Parlament und einem interessierten Publikum via Bildschirm bekannt geben.
Guten Tag Remy
Während der Gründungszeit war ich zusammen mit meinem Partner 5 Jahre aktiv in der IP Bern.
Die Abstimmungs-Kommentare fand und finde ich etwas vom Nützlichsten. Sie verbinden meine Vision (wie wäre dies in einer integralen Gesellschaft gelöst?) mit dem Jetzt, wo ich zu einer politischen Einflussnahme gebeten bin. Dass das Sich-Beugen an vernünftige Entscheidungen (weil besser als «das Gegenteil», oder «gar keine Veränderung») Zementierung und Verfestigung vom Ungewünschten bedeutet und damit Dynamik und Freude an der gemeinsamen Gestaltung unserer Gegenwart verloren gehen, wird im Prozess zum Finden des Kommentars überdeutlich. Ich empfand es als freud- und kraftvoll, an diesem Prozess teilzunehmen und kann dies nur weiter empfehlen.