To KenWilber or not to KenWilber

Ein persönlicher Beitrag von Peter Kaufman als Mitglied der Integralen Politik Schweiz

 

Mehrmals habe ich jetzt in der IP schon die Warnung oder Befürchtung gehört, dass sich die IP nicht auf die Sichtweise von Ken Wilber reduzieren dürfe, denn es gäbe auch noch andere interessante integrale Ansätze. Respektive integrales Denken sei “breiter und vielfältiger” als nur Ken Wilber. Jean Gebser wird oft genannt und im Bereich der Politik Elke Fein und der Metamodernismus (Hanzi Freinacht) und andere. 

Meiner Meinung nach beruht diese Argumentation auf einem Kategorienfehler. Es stimmt zwar, dass Jean Gebser, Elke Fein, Hanzi Freinacht und viele andere wertvolle Beiträge zum integralen Feld geleistet haben und leisten. Aber Ken Wilbers Beitrag befindet sich auf einer ganz anderen Ebene. 

Ken Wilbers Integrale Meta-Theorie ist so umfassend, dass die Beiträge von Gebser, Fein, Freinacht und anderen ohne Mühe und – das ist das Wichtige – ohne Widerspruch und ohne, dass etwas weggelassen werden müsste, in Ken Wilbers AQAL-Modell verortet werden können. 

Umgekehrt ist das nicht möglich. Das ist der Unterschied zwischen einer Theorie und einer Meta-Theorie. 

Ich möchte für das AQAL-Modell die Metapher eines oder mehrerer Häuser verwenden: 

Es gibt Etagen (Stufen); es gibt Treppenhäuser (Linien), welche diese Stufen verbinden; es gibt Fassaden und Innenräume (Innen-Aussen); es gibt einzelne Häuser und Quartiere (Individuum und Kollektiv); es gibt heisse und kalte Zimmer und saubere und zugemüllte Quartiere (Zustände); und es gibt Holzhäuser und Betonhäuser (Typen).  

Mit diesem Bild gesprochen hat Jean Gebser ein Treppenhaus ausgiebig erforscht und Elke Fein und Hanzi Freinacht arbeiten an der Ausgestaltung des Zimmers “Politik” (inkl. Fenster und Fassadengestaltung) auf der Petrol-Etage. 

Ken Wilber hingegen hat die Stadt kartografiert, und die Quartier- und Hauspläne gezeichnet. 

Die Metapher ist natürlich unzulänglich, aber ich denke, sie vermag zu zeigen, dass man die Beiträge anderer integraler Denker nicht auf die gleiche Stufe mit Ken Wilbers Arbeit stellen kann.

Das heisst nicht, dass die Beiträge dieser anderen Forscher unwichtig wären. Wilber brauchte ihre Beiträge (z.B. Gebseres) um seine Meta-Theorie entwickeln zu können. Und Wilber hat zwar viele wichtige Dinge über Integrale Politik gesagt, aber er hat kein konkretes politisches Programm ausgearbeitet.  

Natürlich sollen wir in der IP alle nützlichen Inputs verarbeiten. Hanzi Freinacht zum Beispiel hat wertvolle konkrete politisch Impulse entwickelt, die uns helfen können, ein integrales politisches Programm für die Schweiz zu formulieren, respektive weiterzuentwickeln. 

Aber Hanzi Freinacht arbeitet nur an einem Zimmer. Er ist mit Wilbers Stadt- und Hausplan nicht ganz einverstanden, und hat darum eigene Wegbeschreibungen durch verschiedene Treppenhäuser zu seinem Politik-Zimmer auf der Petrol-Etage erstellt. Das ist wertvolle Arbeit und ermöglicht es Menschen, welche die Farben auf Wilbers Stadtplan nicht mögen, trotzdem eine Wegbeschreibung ins integrale Politik-Zimmer an die Hand zu geben. Aber diese widerspricht Wilbers Karte nicht und erweitert sie auch nicht. Sie benutzt eine andere Terminologie um andere Zielgruppen anzusprechen und konkretisierte Wilbers Karte an einigen Stellen. 

Darum bleibt für mich das AQAL-Modell der grosse Rahmen, der es uns erst erlaubt, das Potenzial und die Limitierungen der anderen Ansätze adäquat zu verorten.

Peter Kaufmann

Vorstand der IP Schweiz 

Mitglied des Innere Kreises. (IK)

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