Hier im IP-Blog wird Werner Kaiser in den kommenden Monaten Texte veröffentlichen, die gesellschaftliche Fragen, die uns heute beschäftigen, aus integraler Sicht darstellen. Die Blogbeiträge werden im Laufe des Jahres dann als Büchlein publiziert.
Die Kraft der Vision
Wer Visionen entwickelt, wird gerne als „Visionär“ belächelt. Wissen doch alle, dass in der Politik nur kleine Schritte umsetzbar sind. Dabei geht oft vergessen, dass die kleinen Schritte in die Irre gehen, wenn die Richtung nicht klar ist, in die sie gehen sollen. Wie sähe die Vision einer künftigen integralen Gesellschaft aus? Wohl etwa so:- Alle Entscheidungen, die getroffen werden, weisen über die Einzelinteressen hinaus. Sie sind getragen vom Geist umfassenden Wohlwollens.
- Die Bürgerinnen und Bürger versuchen, Menschen anderer Denkart zu verstehen statt sie zu bekämpfen.
- Gegensätze werden nicht als Gegnerschaft interpretiert, sondern als Ausgangspunkt, um neue, kreative Lösungen zu finden.
- Zuwendung, Fürsorge, Güte, Zuverlässigkeit, Wohlwollen, Liebe, wie wir sie in Familie und Freundschaft gewohnt sind, werden auch in Politik und Wirtschaft gepflegt.
- Politisches Handeln gründet aus einem ganzheitlichen Menschenbild. Dazu gehören auch Fähigkeiten, die das Denken, Wollen und Können übersteigen.
- Der inneren, sinnspendenden Dimension wird im gesellschaftlichen Leben ein fester Platz eingeräumt.
Integrale Sicht?
Das Wort „integral“ wurde von Jean Gebser (1905–1973) vorgeschlagen, um ein neues, im Entstehen begriffenes Bewusstsein zu bezeichnen. Seit Gebsers „Ursprung und Gegenwart“ sind nun fast 70 Jahre vergangen. Vieles hat sich inzwischen ereignet, vieles ist anders geworden. Es erscheint deshalb sinnvoll, einleitend zu beschreiben, was ich in den folgenden Ausführungen unter „integral“ verstehe.- „Integral“ bezeichnet die Einsicht, dass die „Moderne“, also das Zeitalter des vorwiegend rationalen und technischen Denkens, ihre grosse Zeit überschritten hat. „Integral“ lehnt Wissenschaft und Technik nicht ab, geht aber über sie hinaus.
- „Integral“ anerkennt die Ergebnisse der postmodernen Philosophie, dass es keine absoluten rationalen Wahrheiten gibt. Es geht aber davon aus, dass lebensrelevante Werte auf andern, das Rationale transzendierenden Wegen zu finden sind.
- „Integral“ weiss um die Vielschichtigkeit der Phänomene. Wenn „integral“ einen Wert vertritt, besagt das nicht, dass der Gegenwert falsch ist. Nur mehrperspektivische Betrachtung wird einem Phänomen gerecht.
- Aus dieser Sicht ergibt sich die Forderung, gegen Standpunkte der Anders-denkenden nicht zu kämpfen, sondern sie zu verstehen und sie im Sinn einer umfassenderen Wertung in das eigene Verständnis aufzunehmen.
- „Integral“ pflegt die Vision einer Gesellschaft, die das Wohl aller Menschen, aller Tiere, aller Pflanzen und der ganzen Erde verwirklicht. Diese Verwirklichung basiert auf einem gewandelten Bewusstsein der Menschen.
- Eine integrale Politik misst die konkreten Schritte, die in der Politik anstehen, an dieser Vision. Integrale Projekte dienen vorwiegend dem Wandel des Bewusstseins.



2 Responses
Danke. Es tut gut, solches zu lesen.
Lieber Werner,
Danke für Deinen Beitrag, es macht mir Freude und stärkt meine Zuversicht, dass sich positive Wandlungen ereignen werden. Diese Vision hat auch der Entwickler und Förderer der gewaltfreien Kommunikation, M. Rosenberg 😉.
Dabei gibt es wichtige Unterschiede zu beachten z.B. Bedürfnisse von Wünschen, objektive Beobachtungen von subjektiven Bewertungen/Urteilen/Diagnosen zu Unterscheiden, kognitives Verstehen von echtem Mitgefühl.