Hier im IP-Blog wird Werner Kaiser in den kommenden Monaten Texte veröffentlichen, die gesellschaftliche Fragen, die uns heute beschäftigen, aus integraler Sicht darstellen. Die Blogbeiträge werden im Laufe des Jahres dann als Büchlein publiziert.

Die Kraft der Vision

Wer Visionen entwickelt, wird gerne als „Visionär“ belächelt. Wissen doch alle, dass in der Politik nur kleine Schritte umsetzbar sind. Dabei geht oft vergessen, dass die kleinen Schritte in die Irre gehen, wenn die Richtung nicht klar ist, in die sie gehen sollen.

Wie sähe die Vision einer künftigen integralen Gesellschaft aus? Wohl etwa so:

  • Alle Entscheidungen, die getroffen werden, weisen über die Einzelinteressen hinaus. Sie sind getragen vom Geist umfassenden Wohlwollens.
  • Die Bürgerinnen und Bürger versuchen, Menschen anderer Denkart zu verstehen statt sie zu bekämpfen.
  • Gegensätze werden nicht als Gegnerschaft interpretiert, sondern als Ausgangspunkt, um neue, kreative Lösungen zu finden.
  • Zuwendung, Fürsorge, Güte, Zuverlässigkeit, Wohlwollen, Liebe, wie wir sie in Familie und Freundschaft gewohnt sind, werden auch in Politik und Wirtschaft gepflegt.
  • Politisches Handeln gründet aus einem ganzheitlichen Menschenbild. Dazu gehören auch Fähigkeiten, die das Denken, Wollen und Können übersteigen.
  • Der inneren, sinnspendenden Dimension wird im gesellschaftlichen Leben ein fester Platz eingeräumt.

Lassen wir es uns nicht nehmen, von einer Gesellschaft zu träumen, die aus einem integralen, umfassenden Bewusstsein lebt. Wenn wir auf eine solche Vision verzichten, verlieren wir Freude und Zuversicht. Es geht dabei nicht um naive Erwartung eines kommenden irdischen Paradieses. Das Bewusstsein der Menschen wird zwar wachsen, aber die konfliktfreie Welt wird es nie geben. Trotzdem: Die Vision wird unsere Schritte lenken und unsere Motivation stärken, um mit konkreten Aktionen in die richtige Richtung zu wirken.

Integrale Sicht?

Das Wort „integral“ wurde von Jean Gebser (1905–1973) vorgeschlagen, um ein neues, im Entstehen begriffenes Bewusstsein zu bezeichnen. Seit Gebsers „Ursprung und Gegenwart“ sind nun fast 70 Jahre vergangen. Vieles hat sich inzwischen ereignet, vieles ist anders geworden. Es erscheint deshalb sinnvoll, einleitend zu beschreiben, was ich in den folgenden Ausführungen unter „integral“ verstehe.

  1. „Integral“ bezeichnet die Einsicht, dass die „Moderne“, also das Zeitalter des vorwiegend rationalen und technischen Denkens, ihre grosse Zeit überschritten hat. „Integral“ lehnt Wissenschaft und Technik nicht ab, geht aber über sie hinaus.
  2. „Integral“ anerkennt die Ergebnisse der postmodernen Philosophie, dass es keine absoluten rationalen Wahrheiten gibt. Es geht aber davon aus, dass lebensrelevante Werte auf andern, das Rationale transzendierenden Wegen zu finden sind.
  3. „Integral“ weiss um die Vielschichtigkeit der Phänomene. Wenn „integral“ einen Wert vertritt, besagt das nicht, dass der Gegenwert falsch ist. Nur mehrperspektivische Betrachtung wird einem Phänomen gerecht.
  4. Aus dieser Sicht ergibt sich die Forderung, gegen Standpunkte der Anders-denkenden nicht zu kämpfen, sondern sie zu verstehen und sie im Sinn einer umfassenderen Wertung in das eigene Verständnis aufzunehmen.
  5. „Integral“ pflegt die Vision einer Gesellschaft, die das Wohl aller Menschen, aller Tiere, aller Pflanzen und der ganzen Erde verwirklicht. Diese Verwirklichung basiert auf einem gewandelten Bewusstsein der Menschen.
  6. Eine integrale Politik misst die konkreten Schritte, die in der Politik anstehen, an dieser Vision. Integrale Projekte dienen vorwiegend dem Wandel des Bewusstseins.

Alle Aspekte würdigen

Wer integral denkt, versucht, ein Phänomen von allen Seiten zu beleuchten. In diesem Sinn ist „integral“ unparteiisch. Aber diese Unparteilichkeit führt nicht in eine Patt-Situation. Wenn alle Aspekte gewürdigt sind, gibt es kein Zaudern, kein Weder-Noch, kein Sowohl-als-auch. Dann sind klare Entscheide gefragt. Die folgenden Texte wollen deshalb nicht brav, harmlos, sanft sein, sondern klar, würzig und engagiert. Die Stellungnahmen sind nicht als Rezepte gedacht. Rezepte sind in der Politik nicht hilfreich. Nur wer mitten im Geschehen steht, kann ins Auge fassen, was in der konkreten Situation angesichts der eigenen Ressourcen getan werden soll und getan werden kann. Nicht als Rezepte, sondern als Hilfen zur Einübung ins integrale Denken und Handeln sind die kommenden Blog-Beiträge gedacht.