2015 haben die 193 Mitgliedsstaaten der UNO die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (die sogenannten Sustainable Development Goals oder SDGs) verabschiedet. Ein starkes Instrument, das die so genannten Milleniumziele abgelöst hat und weltweit für eine nachhaltige Entwicklung für den Zielbereich der nächsten 10 Jahre sorgen will.

Alle beteiligten Staaten haben sich dazu verpflichtet, regelmässige Bestandesaufnahmen zum Stand der Zielerreichung durchzuführen. Die Schweiz hat im letzten Jahr ihren Bericht darüber veröffentlicht. Dieser Länderbericht zeigt auf, dass die Schweiz einige Ziele schon erreicht hat: Es herrschten in der Schweiz weder extreme Armut (Unterziel 1.1), noch Hunger (Unterziel 2.1). Darüber hinaus sei die Bildung in der Schweiz „kostenlos, obligatorisch und hochwertig“ (Unterziel 4.1). In anderen Bereichen (z.B. Verbrauch natürlicher Ressourcen, Einbindung benachteiligter Bevölkerungsgruppen …) müsse die Schweiz noch arbeiten.

73 Indikatoren für die Agenda 2030

Der Bundesrat definiert seine Schwerpunkte für die nachhaltige Entwicklung seit 1997 in einer einschlägigen Strategie, die für jeweils vier Jahre gilt – die aktuelle bis 2019. Die Schweiz verfügt seit 2003 über ein umfassendes System für das Monitoring der nachhaltigen Entwicklung, das zurzeit 73 regelmässig aktualisierte Indikatoren umfasst.

Und hier liegt die Schwachstelle: Sind die 17 Ziele der Agenda 2030 – so wie sie formuliert sind – aus integraler Perspektive noch wünschenswert, sieht es bei den konkreten Indikatoren eher düster aus.

Unterziele und Indikatoren von gestern

Nehmen wir das Beispiel „SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen“. Das übergeordnete Ziel lautet hier: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern. Wer könnte diesem Ziel schon widersprechen? Vermutlich kaum jemand. Schaut man dann jedoch die konkreten Indikatoren dafür an, findet man z.B. „Durchimpfungsquote Masern erhöhen“ (Unterziel 3.3) oder „Raucherquote senken“ (Unterziel 3.a). Das fühlt sich eher nach Symptombekämpfung als nach gesellschaftlichem Wandel an.

Wenden wir uns dem „SDG 4: Hochwertige Bildung“ zu, finden wir ein ähnliches Bild. Das Hauptziel heisst wie folgt: Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern. Und jeder integral fühlende, denkende und handelnde Mensch geht in Resonanz damit. Betrachten wir jedoch die mit diesem Ziel verbundenen Unterziele und Indikatoren, zeigt sich ein nüchternes Bild: Die Lesefähigkeit der 15-Jährigen erhöhen (Unterziel 4.1), den Anteil der Frauen bei den Lehrkräften an Hochschulen erhöhen, eine Erhöhung der Quote der Erstabschlüsse auf der Sekundarstufe II (Unterziele 4.4 und 4.5) und der Teilnahme an Weiterbildung (Unterziel 4.6). Das sind definitiv keine Ziele, die Ausdruck einer integralen Vision sind.

Ausdruck einer rationalen, industriellen Gesellschaft

Eine genauere Betrachtung der Indikatoren und Unterziele zeigt, dass es insbesondere die SDGs „im menschlichen Bereich“ sind, deren Indikatoren „von gestern“ – als Ausdruck einer rationalen, industriell-modernen Gesellschaft – und nicht von 2030 sind. Vor allem in den Bereichen Bildung und Gesundheit, aber auch wenn es um Arbeit und Wirtschaft (SDG 8) geht. Oliver Schib schreibt in seinem Blogbeitrag in diesem Zusammenhang von „Baldrian für das Volk“, weil „die Agenda nicht die Nachhaltigkeit zum Ziel hat, sondern die Beruhigung einer besorgten Bevölkerung“.

Die Agenda 2030 eröffnet Möglichkeiten, in den kommenden 10 Jahren wirkliche Schritte in die Richtung einer integralen Gesellschaft zu gehen. Dafür müssen den Indikatoren und Unterzielen vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Arbeit konkrete, integrale Visionen entgegengesetzt werden. Anstatt der Erhöhung der Durchimpfrate bei den Masern mehr Selbstverantwortung und natürliche Heilverfahren. Anstatt der Erhöhung der Lesefähigkeit der 15-Jährigen mehr echte, intrinsische Individualisierung und Potentialförderung. Und anstatt der Erhöhung der Arbeitsproduktivität die konsequente Ablösung von repetitiven Arbeiten durch Roboter und künstliche Intelligenz.

Nutzen wir die Chance

Die Integrale Politik kann hier einen wichtigen Beitrag bei der Bewusstwerdung leisten. Viele dieser Indikatoren drücken ein Bewusstsein aus dem 20. Jahrhundert aus. Gestaltet auf der Basis eines funktional-mechanistischen Menschenbildes. Lasst uns die Chance nutzen, und in den nächsten 10 Jahren (Unter-)Ziele ansteuern resp. Indikatoren messen, die wirklich den Weg in eine integrale Gesellschaft weisen. Das Potential ist da. Und: Es ist jetzt Zeit.