Was bedeutet Demokratie für dich? Und was braucht es, um diese dir wichtige Qualität in ihre Blüte zu entfalten? (Im Bewusstsein der Herausforderung, die in dieser Frage liegt)
Meine eigenen Gedanken dazu:
In den verschiedensten Medien lese ich oft davon, dass die Demokratie – global betrachtet – auf dem Rückzug zu sein scheint. Dabei fällt mir auf, dass Demokratie meist als feste Form verstanden wird, die entweder existiert oder nicht. Dieses Verständnis ist für mich durchaus nachvollziehbar. So definiert sie sich im gegenwärtigen Zeitgeist meist durch ganz bestimmte Prozesse und Strukturen. Zum Beispiel:
Prozesse
- Wahl von Repräsentanten (Wahlwesen)
- Mehrheitsentscheide
- Volksabstimmungen (auf verschiedenen Ebenen)
Strukturen
- Parlamente auf verschiedenen Ebenen (Kommunal, Kanton, National)
- Mehrparteiensystem
- Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative, Judikative)
Was mich an der Demokratie besonders berührt, ist weniger das Wort selbst oder die gegenwärtige Form im jetzigen Zeitgeist. Vielmehr erahne ich ein Potenzial, das dahinter schlummert. Ein Potenzial eines natürlichen, ausgeglichenen Zusammenlebens, das die mannigfaltigen Polaritäten des Lebens in all ihren Feinheiten gewährt und fördert.
Ein Potenzial, das dem Menschen Raum lässt, in gesunder Selbstverantwortung zu reifen, seinem natürlichen Wesen nach zu leben, mitzugestalten und sich als bedeutsamen Teil der Gesellschaft zu erleben. Das ist die Essenz!
Die Form, in der sich dieses Ideal zeigt, will sich somit ständig in verfeinernder Weise weiterentwickeln, um das Potenzial in gänze zu Entfalten. – entsprechend unserer gegenwertigen gemeinschaftlichen und individuellen Fähigkeit, dieses Potenzial in seinem Wesentlichsten zu erkennen und es zum Ausdruck zu bringen.
Einige der markantesten Formen, in der sich Demokratie gegenwärtig etabliert zeigt, sind folgende:
Repräsentative Demokratien mit ihren «Unterformen»:
- Parlamentarische Demokratie (z. B. Deutschland)
- Präsidentielle Demokratie (z. B. USA)
Repräsentative Demokratie mit direkten demokratischen Elementen:
- Partizipatorische Demokratie ( In einer partizipatorischen Demokratie gibt es neben Repräsentantan auch viele Möglichkeiten direkter Bürgerbeteiligungen, der Spielraum ist hier sehr breit.) Eine Form davon ist die Halb direkte Demokratie (Schweiz)
Direkte Demokratien:
- Eine direkt demokratische Form existiert in der Schweiz auf kommunaler Ebenen. (In ca. 4/5 aller Gemeinden, der restliche 1/5 hat ein Parlament – meist sind dies die Städte) Auf nationaler Ebene gibt es eine solche Form weltweit (noch?) nicht.
Ich möchte würdigen, dass wir in der Schweiz gegenwärtig eine der aussergewöhnlichsten und nahbarsten Formen der Demokratie leben, auf nationaler Ebene. So gab es hier 622 nationale Volksabstimmungen seit 1900. Das Land, das danach folgt, kommt gerade mal auf 120. Auch hat die Schweiz statt eines üblichen Präsidiums sieben Bundesräte, die von vier verschiedenen Parteien gestellt werden. Dies nur als Beispiel.
Denoch, Vergessen auch wir als Gemeinschaft die Essenzen hinter der demokratie und blicken «nur» auf die gegenwärtige Form, weicht die Entwicklung, weicht das Leben und somit die Kraft darin. Dies geschieht im Fortschreiten einer lauten, rasend schnell gewordenen, immer komplexer und komplizierter werdenden Welt. Extreme kommen zur Geltung, die uns dazu ermahnen, die Form bewusst und im Miteinander weiterzuentwickeln und dabei die einende Essenz nicht zu vergessen…das Potential weiter und feiner zu entfalten.
Ob sich diese Extreme ihrer Botschaft bewusst sind? Warschenlich nicht, doch tuen wir gut darin nicht zu sehr auf die Oberfläche, also die Erscheinungsform, der Extreme zu starren, sei es eine einzelne Person oder ein Zustand. Sondern die in ihr verborgenen Bedürfnisse zu erkennen und sie wieder in gemeinsame Entscheidungsprozese zu integrieren. Erde , Tier- und Planzenwelt ist hier mitgemeint.
Wie wir als Individuen und als Gesellschaft damit umgehen? Daran reifen?
Auch dürfen wir auch ehrlich und urteilslos zugeben, dass gegenwärtig einige Herausforderungen an die Tür klopfen:
- Allgemein kann der stetig steigende Aufwand für Wahlen sowie Abstimmungsvorlagen (finanziell und personell) ebenso beobachtet werden wie der Aufwand der Menschen, sich in die jeweiligen Prozesse einzufinden (Informationsüberschwemmung, emotionale Waldbrände).
- Exponentiell steigende Komplexität der Herausforderungen (Umweltthemen – Klimawandel, Finanzwirtschaft, Gesundheitskosten, Verwaltungswachstum, Inflation, Energieversorgung, Altersvorsorge, Verschiebung globaler Machtgefüge). Dabei wächst die Anzahl der Menschen in den Parlamenten nicht, um diese Komplexität zu beleuchten. Viel Lösungspotenzial bleibt dabei strukturell ausgeklammert.
- Sich verhärtende Fronten in der Weltwahrnehmung -> Mehr und mehr Menschen fühlen sich kaum gehört in einer Welt, die den Begriff der Individualität einseitig versteht und vorgibt. (Nach einer aktuellen SRG-Umfrage fühlen sich 52 Prozent der Schweizer Bevölkerung eher nicht bis gar nicht gut repräsentiert und ihre Interessen nicht vertrauensvoll behandelt.)
- Erstaunlicher Zuwachs der Finanz- und Wirtschaftskraft einzelner Gruppen, die ihren Interessen somit stets mehr und mehr Gewicht verleihen können, wobei der Fokus auf das Gemeinwohl verloren geht (z. B. willkürliches Lobbying im Bundeshaus).
- Sich verhärtende Fronten in der Weltwahrnehmung ->Mehr und mehr Menschen fühlen sich kaum gehört in einer Welt, die den Begriff der Individualität einseitig versteht und vorgibt – Nach aktueller SRG Umfrage fühlen sich 52 Prozent der Schweizer Bevölkerung eher nicht bis nicht gut repräsentiert und ihre Interessen nicht vertrauensvoll behandelt)
Berechtigte Fragen beschäftigen:
- Wer kann mich repräsentieren?
- Was für Auswirkungen hat mein Abstimmungsverhalten?
- Wie generiert unsere Gesellschaft vertrauensvolle Vorbilder?
- Wie stellen wir als Gesellschaft sicher, dass die Bedeutung des Wahlwesens hochgehalten wird?
- Was braucht es, damit Parteien und einzelne Kandidierende sowohl wohlwollend, zukunftsgerichtete Handlungen gemeinsam erarbeiten, als auch sich von spaltenden Äußerungen und Lagergehabe verabschieden? Dies notabene, um die anstehenden Lösungen in die Umsetzung zu bringen?
Nun frage ich mich, ob wir, als Ich und Wir, bereit sind, die Form dieser Essenz weiterzuentwickeln und neue Wege zu finden?
Ich meine: ja!
Ich stelle mir vor, mutig als Pioniere aus diesem Potenzial kontinuierlich tiefer und tiefer zu schöpfen. Wollen wir uns daran erinnern, was möglich ist? Wie es wohl gelingt, diesbezüglich Vorbild zu sein?
Im Geist der Dankbarkeit gegenüber der gegenwärtigen Form der Demokratie, so wie sie uns bis hierher getragen hat.
In Gewissheit der Notwendigkeit ihrer Weiterentwicklung in neue Formen.
In urteillosem Frieden gegenüber allen gegenwärtigen Formen des Zusammenlebens auf der gesamten Welt. Im Vertrauen darauf, dass all die verschiedenen Kulturen und Völker auf Erden den Ruf dieses Potenzials hören und ihren ganz eigenen Weg dahin finden werden. Denn das ist unser Menschenwesen, wie ich es in mir spüre.
Es liegt in mir. Es liegt in dir. Es liegt in uns. Das ist meine Überzeugung.
Ein Menschenkind.
Als Inspiratin – Ideen und Initiativen zur Weiterentwicklung der Demokratie:
- Stiftung für direkte Demokratie: Die Stiftung für direkte Demokratie fördert die politische Partizipation der Bevölkerung. Sie unterstützt Initiativen und Referenden, welche sich für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit einsetzen. Aktuellstes Projekt , Erneuerung der Bundesverfassung
- Demokratielabor Basel: Diese Vereinigung hat besonderen Fokus darauf abgewogenere Abstimmungsprozesse zu gestallten.
- Campus für Demokratie: Verbindungsraum für Demokratiebewusstsein, auch in der Bildung
- Demokratie – in Zukunft ohne Parteien? ( Videovortrag )
- Demokratieinitiative: Verankerung des Auftrags zur stetigen Weiterentwicklung der Bürgerbeteiligung, in der Bundesverfassung
- Zukunftsgemeinde: Ein zeitaktuelles Projekt, in der Schweiz, das die lokale Gestaltungskraft der Gemeinden in seiner Vision trägt. Dies ist mir ein besondere Herzensangelegenheit)
- Bürger:innenrat , in der Schweiz (für Ernährung) -> Was ist ein Bürger:innenrat? Ein grosses Potential, der gegenwärtig steigenden Komplexität zu begegnen
- LOSLAND (Youtube-Einführung): Losland ist ein Erfahrungsprojekt für aktive Lokale Bürgerbeteiligung in Deutschland.
- Bürgerbeteiligung allg. + Bürgerbeteiligung im Wallis
- Soziokratie als Entscheidungsweg: Ein Weg als Potential, Entscheidungsblockaden zu lösen und in Mehrheitsabtimmungen wichtige übergangenen Wiederstände in ausbalancierte Losungen integrieren.
- Joseph Rathinam (Video-Vortrag – im Kontext seiner Europatour 2022). Er ist sehr Engagiert im Aufbau von Soziokratischen Nachbarschafts– und Kinderparlamente (100.000!) Dazu auch sehr empfehlenswert der DokFilm – Power to the Children
- Kinder- und Jugendparlamente in der Schweiz
- Zentrum für Demokratie Aarau: Empirische Demokratieforschung
- Zukunftsräte ( 1 ) + SRF Interview
- Zukunftsrat U24: Der Zukunftsrat U24 ist ein Bürger:innenrat für junge Menschen und besteht aus 80 repräsentativ ausgelosten und in der Schweiz wohnhaften Personen im Alter von 16-24 Jahren, die gemeinsam Handlungsempfehlungen zu einem zukunftsrelevanten Thema erarbeiten und an die Öffentlichkeit tragen.
- Erfahrungsorientierte Modellgemeinschaften, wie z.B. Tamera – GEN Suisse
- Degrowth als Bewegung und Handlungsimpuls
- Kompliziertheit reduzieren, durch achtsame Gesetzesreduktion
- Und vieles vieles mehr !



9 Responses
Aus integraler Sicht ist ein Weltparlament anzustreben, siehe:
– Jo Leinen, Andreas Bummel (2017). Das demokratische Weltparlament. Verlag Dietz. Seiten 342-343: «Der Übergang zum integralen Bewusstsein».
– Steve McIntosh (2009). Integrales Bewusstsein. Phänomen Verlag. Kapitel 5 und Appendix A: «Integrale Global Governance».
Dieses Ziel verfolgt der Verein «Demokratie ohne Grenzen», wo Ständerat Daniel Jositsch Ehrenmitglied ist.
Ja, da bin ich sehr «gwundrig», wie sich ein globales integrales Zusammenleben wohl gestalten mag. Was ich erahne, ist, dass wir aus unserem Wesen heraus reifen und die Strukturen des Zusammenlebens immer mehr aus uns selbst schöpfen, sodass die um uns herum geschaffenen oberflächlichen Strukturen in diesem Prozess vergehen können. Im Verständnis, dass individuelle Vielfalt sich in einem einfachen, natürlichen Zusammenspiel erleben will.
Um wirklich Demokratie zu ermöglichen braucht es eine freie Presse, wo wirklich freie Meinungsbildung möglich ist und nicht nur Mainstream Meinungen. So kommen wir mit der Zeit wirklich von der unsäglichen Polarisierung weg.
Doch hat auch die Parteiendemokratie abgewirtschaftet. Im Parlament gibt es keine Sachpolitik mehr, nur noch Parteienmacht, und Interessenvertretung. In einem der letzten «Magazine» hat eine Gruppe einen Bürgerrat als dritte Kammer vorgeschlagen, wo Bürger nach Losentscheid ausgewählt werden für vier Jahre. Ich denke, das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber warum nicht alle Geschäfte, anstatt in den Kammern gleich von per Losentscheid gewählten Bürgern entscheiden lassen – die Parteien sind abzuschaffen, bzw. könnten sie zur Meinungsbildung beitragen – ohne Entscheidungsmacht. Die Bürger werden jeweils ausgelost für ein Geschäft.
Daneben ist zu entscheiden, was wirklich demokratisch zu regeln ist! Schulde, Bildung dürfen nicht vom Staat abhängig sei, sondern in die Verantwortung der Bürger zu geben – zum Beispiel. USW.
Lieber Johannes,
nach intensiven Tagen komme ich nun endlich dazu, dir zu antworten.
Ja, einen ungezähmten Informationsfluss, der alle Qualitäten in sich trägt, empfinde ich als unabdingbar für eine Balance der Polaritäten. Ich erahne diesen Informationsfluss in einer absolut ehrlichen und vielseitigen Form dann, wenn wir uns als Nationen, Völker und Menschheit nicht mehr als Konkurrenten betrachten, sondern als Ergänzung – verbunden durch ein gut verwurzeltes und gelebtes Herzbewusstsein.
Ein guter Anfang wäre die Befreiung aus wirtschaftlichen Zwängen und die dadurch entstehende unausgewogene Interessenslenkung. Ebenso wichtig sehe ich es, das Wirtschaftsleben wieder in natürliche Bahnen zu lenken. Jedes Medium hat einen wirtschaftlichen Anteil und beeinflusst unweigerlich das Geschehen mit. Hier bestehen aktuell ungesunde Wechselwirkungen.
Das heutige Parteiverständnis sehe ich als unbedingt wandelbar.
Stell dir vor, Politiker wären nicht dafür verantwortlich, Inhalte zu definieren, sondern Strukturen und Prozesse zu schaffen, in denen sich ausgewogene Inhalte finden lassen. Gegenwärtig scheint mir in der Politik der Fokus stark auf den Inhalten zu liegen, weniger darauf, wie diese ausgewogen geformt werden können – vieles davon ist strukturell und prozessbedingt. So müsste kein Kampf um limitierte Plätze (Wahlkampf ins Parlament) mehr stattfinden, um Inhalte direkt zu bestimmen. Dafür braucht es langfristig die Mitverantwortung aller.
Bürgerräte sind auch für mich ein sehr interessanter Schritt in die von mir ersehnte Richtung, weshalb ich sie auch in der Ideenliste aufgeführt habe. Tatsächlich gab es solche Bürgerräte bereits in der Schweiz (z.B. den Ernährungsrat), jedoch aus Zivilcourage und unverbindlich.
Was die Schulen betrifft, finde ich die Idee der Elternlobby (www.elternlobby.ch) sehr spannend. Für diesen Weg wünsche ich mir einen versöhnlichen Geist, der das Bestehende nicht verurteilt, sondern seine Grundessenz weiterträgt. Diese Grundessenz sehe ich darin, dass der Freiraum zur individuellen (Selbst-)Bildung für jeden Menschen garantiert bleibt.
Den Gedanken, dass eine freie Presse eine Grundvoraussetzung für die Demokratie ist, möchte ich folgendermassen weiterführen:
1) Eine freie Presse ist nicht nur eine nicht zensurierte Presse, sondern enthält Berichterstattungen, die sehr sorgfältig recherchiert worden sind und Fakten und Meinungsäusserungen klar von einander trennen. Bei unabhängigen Tageszeitungen ist eine verschiedenartige oder gar kontradiktorische Darstellung einer Meinung zum selben Thema sehr hilfreich. Klar muss auch der Studiengang und die Interessenvertretung des Schreibenden sichtbar sein. Dies alles gehört zu einer Qualität, die leider in gewissen social-media Kanälen, aber auch in einer ehemals als «unabhängig» bekannten Tageszeitung verloren zu gehen droht.
2) Der Trend zur Kommerzialisierung der Presse, die ihrerseits eine Folge von «Infotainment»-Gratisblättern und -kanälen ist, führt in der Tendenz zu einer populistischen Berichterstattung: Die Journalisten «müssen» schreiben, was der Leserschaft gefällt. Konflikten und Widersprüchen geht eine wachsende Zahl von Schreibenden und Lesenden aus dem Weg.
3) Ganz wichtig ist deshalb auch die Sorge um den empfangenden Teil der Presse: (Junge) Menschen müssen wieder vermehrt dazu motiviert werden, nicht nur Schlagzeilen und Sensationsnachrichten zu konsumieren, sondern sich eingehender und vertiefter…und mit deutlich mehr Zeitaufwand… mit Hintergrundinformationen zu beschäftigen. Sie bilden die Grundnahrung jeder Demokratie.
Lieber Heinz,
Sehr spannende Punkte!
-Tiefgründige und vielseitige Recherche.
-Achtsamer und lösungsorientierter Umgang mit emotionalen Feldern, im Bewusstsein der verführerischen Möglichkeit, diese zum Eigennutz zu nutzen.
-Die Lust wecken, sich in Hintergrundinformationen zu vertiefen.
Dies im Bewusstsein einer sich stets in feinster Komplexität entfaltenden Welt – und der lähmenden Kompliziertheit, die wir oft daraus machen. Ich glaube, ein absolutes Muss ist, dass wir wieder einen einfacheren und unkomplizierten Umgang mit Komplexität erlernen und unser gemeinschaftliches Leben danach ausrichten. Dies, indem wir uns mit allen Polaritäten und Essenzen hinter der Komplexität verbinden.
Ein Beispiel aus meiner Schulzeit: Dort habe ich Lehrer erlebt, die komplexe Dinge einfach erklären konnten, weil sie die zugrunde liegenden einfachen Prinzipien erkannten und gezielt darauf hinwiesen. Im Bewusstsein, sich nicht in der Unendlichkeit der Details zu verlieren und die Komplexität der Welt begreifbar zu machen.
Ich glaube, das würde auch jungen Menschen das Recherchieren schmackhafter machen!
Vor 4 Jahren war ich auf der Suche nach einer wählbaren Partei und bin dabei zufällig auf ihre Webseite gestossen. Super, dachte ich, ein Verein der genau auf meiner Gedankenebene liegt. Ich habe den Newsletter abonniert um mehr darüber zu erfahren.
Inzwischen hat sich meine Begeisterung gelegt. Plötzlich habe ich wahrgenommen, dass etwas nicht stimmt, ohne genau sagen zu können, wo mein Problem liegt.
Da erinnerte ich mich an das Sprichwort «den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.» In ihrem Verein ist so viel Intellekt vorhanden, dass dies sein könnte.
Ich bin der Meinung, dass die heutigen Probleme nicht über die Politik gelöst werden können. Man ist sich bewusst, dass grundlegende Veränderungen notwendig sind, aber kein Politiker hat bis heute einen brauchbaren Ansatz gefunden. Der Probleme sind zu viele.
Vielleicht müsste man an der Basis beginnen, beim einzelnen Menschen, um von da aus weitere Kreise zu ziehen und über eine grosse Menge Gleichgesinnter viel Kraft zu erlangen. Man muss den Kapitalismus neu definieren, neue Lernprogramme an Unis implementieren, das bestehende Schulsystem ablösen usw. All das natürlich auf globaler Ebene.
Grundprobleme sind sicher der Kapitalismus, der viel zu stark ist und die massive Überbevölkerung der Erde. Ich bin der Meinung, dass grundsätzliche Änderungen erst möglich sind, wenn eine Mehrheit eindeutig dafür ist. Das Gedankengut der heutigen Mehrheit entspricht den früheren Lehren und den Kindern werden noch heute falsche Ideale vorgelebt. Politiker dürften keine Wirtschaftsmandate haben um sich so für einen Geldgeber stark machen, sie müssen strikte das Volk vertreten. Sonst wird die Demokratie verfälscht. So lange dies andauert, so scheint mir, kann die Welt leider nicht verbessert werden.
Aus diesem Grunde ist mir der Verein integrale Politik zu wenig sichtbar für die Mitmenschen und um Politik zu machen reicht es ebenfalls nicht.
Ich möchte keine Kritik äussern, aber vielleicht kann ich einen Anstoss für eine noch bessere Sichtbarkeit des Vereins bewirken.
Lieber Herbert,
auch dir möchte ich nach diesen intensiven, gefüllten Tagen gerne antworten.
Deine Enttäuschung kann ich gut nachvollziehen, denn in den von dir genannten Punkten steckt sicherlich ein unbestreitbarer Anteil an Wahrheit. So ehrlich möchte ich sein. Deshalb möchte ich mir mehr Zeit nehmen, um dir ausführlicher zu antworten.
Vor etwas mehr als vier Jahren bin ich zufällig auf ein Treffen der IP gestossen. Ich war und bin berührt von der Essenz, die ich dahinter spüre, und ebenso tief berührt in meiner eigenen. Seit diesem Moment bin ich aktiv in der IP engagiert – in vielen, vielen ehrenamtlichen Stunden. In dieser Zeit habe ich viel Enttäuschung erlebt und erkenne immer mehr, dass es vielen Visionären der IP, sowohl in den ersten als auch in den letzten Jahren, ähnlich ergangen ist.
Dabei stand nicht nur der Intellekt im Weg, obwohl er sicherlich seinen Anteil hatte. Was ich jedoch weiß, ist, dass sich ein gesellschaftlicher Wandel nicht erzwingen oder rein intellektuell planen lässt. Auch kommt er nie so, wie der Verstand ihn sich vorstellt, denn der Verstand orientiert sich immer am Bestehenden bzw. am vergagnenen, bekannten.
Enttäuschungen haben trotz der unangenehmen Gefühle, die sie begleiten, einen wertvollen Kern: Sie erweichen den Geist, sodass er sich in neue Formen gießen und neue Wege erkennen kann – vorausgesetzt, man nimmt sie in Frieden an. Dafür bin ich dankbar.
Auch die IP wird sich im Geist der Zeit wandeln müssen, um lebendig zu bleiben. Es wird nötig sein, alte Wege hinter sich zu lassen und neue zu finden, wenn sie das erreichen will, was noch nicht ist. In diesem Punkt bin ich ganz deiner Meinung! (Partei – Bewegung) Die Essenz der IP sichtbar zu machen, ohne jedoch einen klaren Weg vordefinieren zu wollen – davon gibt es nämlich viele, und schnell verliert man sich in lähmenden Grabenkämpfen darüber, welcher der beste sei. Alle Wege haben ihren Reiz, viele davon können nebeneinander bestehen und den Weg zu einer integralen Politik in sich tragen. Ich wünsche mir daher den Fokus auf ein Bewusstsein (auch für die IP), das sich klar darüber wird, wie wir die Wege beschreiten wollen – nicht in erster Linie, welche. Dies ist die Entscheidung jedes einzelnen Menschen und der Gemeinschaften, in denen sie leben (wobei dies für mich ebenfalls ein Teil der Politik ist, dazu gleich mehr).
An dieser Stelle habe ich zwei „Gwunderfragen“ an dich, lieber Herbert, auf deren Antwort ich mich besonders freue:
Was hat dich besonders berührt, als du vor vier Jahren auf die Webseite der IP gestoßen bist?
Wie nährst du persönlich diese Essenz?
Nun noch ein paar Gedanken zur Politik:
Deine Meinung, dass sich die heutigen Probleme nicht über Politik lösen lassen, teile ich insofern, als sie sich nicht mit der gegenwärtigen Form der Politik lösen lassen. Für mich ist Politik die Kunst des Zusammenlebens, und wenn wir dies aus Liebe zum gesamten Leben tun, ist ihr Wesen der Friede.
Deshalb wünsche ich mir einen Wandel der politischen Formen, sodass uns wieder bewusst wird, dass der größte Teil des Zusammenlebens außerhalb unserer dafür geschaffenen Institutionen stattfindet – und dass dieser Teil unbedingt wieder ein fester Bestandteil des politischen Prozesses werden muss. In meinem Kommentar zu Johannes bin ich etwas genauer darauf eingegangen, falls du daran Interesse hast. Ich denke auch, wie du hinweist, dass es beim einzelnen Menschen beginnt und durch die Verbindung derjenigen, die ähnlich fühlen, Räume entstehen können, in denen diese „neue“ Art der Politik gelebt wird. Diese Räume sind der Same der Zukunft – auf lokaler Ebene, aber im globalen Bewusstsein. Vieles davon entsteht bereits im Stillen, viel mehr, als es angesichts des lauten Getöses der weltweiten Spannungen den Anschein hat. Ein kleiner Ausschnitt davon ist die Ideenliste.
Diese Veränderungen gleich auf globaler Ebene anzugehen, von dieser Idee bin ich vor geraumer Zeit abgekommen.
Und ja, die von dir angesprochenen Punkte müssen sich ändern, damit diese „neue“ Politik Realität werden kann. Wenn die neu entstehenden Räume aus Lebendigkeit und Erfahrung heraus erstrahlen, wird es für die alte Politik schwer, mitzuhalten.
Ausgehend von den Ebenen Mikro-(Hand/Körper), Meso-(Herz/Seele) und Makrokosmos(Kopf/Geist) liegt Politik als Richtung/Lebensfeld nebst Ästhetik, Sittlichkeit, Kontemplation u. a.- mittig.- Für Ganzheitlichkeit braucht es ein Referenzsystem, das alle Phänomene umfasst. Das dem Individuum aus seiner leeren Wesensmitte heraus freie Entfaltung ermöglicht und gleichzeitig rationale Zugänglichkeit ins Innere wie auch Äussere bietet; sozusagen Therapie und Spiritualität/Kreativität. Damit Kompromisse verständlich ausgehandelt werden können.
Die Systemik der kleinsten gemeinsamen Nenner aller möglichen Lebensfelder existiert- http://www.schuledesrades.org. Also Einübung der Anlagen des Menschen zum Weg in die Solidarität mit allen Lebensformen. Materialismus deckt die Bedürfnisse des Körpers ab, Idealismus diejenigen des Geistes- die gute Mitte finden: Analogie/Beziehung/Lebenskunst.