Ein Gastbeitrag von Barbara Küchler
Die erste Entwicklungsstufe (Baby) beeinflusst unbewusst unser Beziehungs- und Kommunikationsverhalten – einerseits durch unseren Bindungsstil, andererseits durch unsere angeborene sowie frühgeprägte Persönlichkeit. In diesem Artikel werde ich mich zunächst mit dem Bindungsstil befassen.
Bindung bezeichnet die emotionale Beziehung zwischen einem Kind und seinen ersten Bezugspersonen (meistens den Eltern), die dem Kind Sicherheit, Trost und Schutz bietet. Diese ersten Beziehungen prägen unsere späteren zwischenmenschlichen Beziehungen und beeinflussen unsere soziale sowie emotionale Entwicklung.
Wer sich sicher gebunden fühlt, kann im Konflikt gut mit Nähe und Distanz umgehen. Sicher gebundene Menschen bleiben gelassen, auch wenn Meinungen und Absichten weit auseinandergehen. Ich kenne kaum Menschen, die «von Natur aus» sicher gebunden sind – aber ich weiss aus persönlicher Erfahrung, dass man diesen Zustand entwickeln kann.
Für das Verhalten in Konflikten sind insbesondere der vermeidende (auch unsicher-vermeidend) und der anklammernde (auch unsicher-ambivalent) Bindungsstil von Bedeutung.
Anklammernde wollen die Beziehung um jeden Preis aufrechterhalten. Ihr Grundverhalten im Konflikt ist oft beschwichtigend.
Vermeidende hingegen möchten vor allem ihre Autonomie bewahren. Das gelingt ihnen am einfachsten durch konfliktschürendes Verhalten. In Beziehungen treffen oft komplementäre Muster aufeinander, was zu stabilen, sich kaum verändernden Konfliktmustern führt. Anklammernde Menschen kommen nicht zur Ruhe, während Vermeidende häufig die Oberhand behalten.
Die nachfolgende Tabelle veranschaulicht diese komplementären Dynamiken im Detail:
–
Anklammernd
Vermeidend
Fokus
Der Fokus liegt ganz auf dem anderen. Es werden feine Regungen, potenzielle Erwartungen sowie positives und negatives Feedback wahrgenommen.
Der Fokus liegt vor allem auf sich selbst. Hier werden schnell persönliche Verlustängste, potenzielle Angriffe und Verunsicherung wahrgenommen.
Kritik
Hang zur Selbstkritik. Man möchte es anderen unbedingt recht machen und kritisiert sich oft in vorauseilendem Gehorsam. Es entstehen toxische Schuldgefühle.
Die Ursache von Problemen wird meist bei den anderen gesucht.
Gegenseitigkeit
Grosses Bedürfnis, für andere da zu sein, zu versorgen, zu helfen und zu unterstützen.
Anspruchshaltung: „Ich habe es verdient, dass man sich um mich kümmert.“
Konfliktverhalten
Beschwichtigend, beruhigend, bittet rasch um Verzeihung, um den Konflikt schnell zu beenden.
Konfliktschürend, oft aggressiv, fordernd und abgrenzend.
Aggression
Versteckte Formen von Aggression; wenn es zu viel wird, bricht sie ungewollt hervor, was zu Schuldgefühlen führt.
Offene Aggression und Abgrenzung.
Kontakt
Beliebt, viele Kontakte.
Eher Einzelgänger.
Wirklichkeitskonstruktion
Gerät im Rahmen von Konflikten schnell in Zweifel, ob die eigene Wahrnehmung richtig ist.
Hält beharrlich an der eigenen Realität fest.
Was kannst du jetzt mit diesen Informationen anfangen?
Im ersten Schritt geht es darum, deine eigenen Muster zu beobachten – neugierig, nicht wertend und absichtslos. Diese Beobachterhaltung erinnert an einen Ethnologen, der ein fremdes Volk beobachtet. Welche Muster nimmst du bei dir selbst wahr? Ist dein Bindungsstil in allen Kontexten gleich oder wechselt er je nach Situation (was bei vielen Menschen der Fall ist)? Und kommt es vor, dass du plötzlich umschaltest – zum Beispiel nach einem langen, frustrierenden Streit, in dem du keinen Boden unter den Füssen hast und dann abrupt den Bindungsstil wechselst?
Im zweiten Schritt geht es darum, über Alternativen nachzudenken – was sind die Konsequenzen deines Verhaltens und mögliche Alternativen? Die meisten Menschen wünschen sich im Konflikt, dass das Gegenüber sich ändert, was jedoch selten passiert. Die zweitbeste Lösung ist, über eigene Musterveränderungen nachzudenken. Das klingt einfacher, als es ist, denn mit der Veränderung von Mustern kommen wir in der Regel in Kontakt mit tiefen, inneren Ängsten. Auch hier hilft uns die Beobachter-Haltung weiter. Wenn es uns gelingt, diese frühkindlichen Ängste zu beobachten, entspannt sich etwas in uns. Häufig entwickelt sich auch Mitgefühl für diese frühen inneren Anteile. Wir können mit diesen Anteilen sprechen, als wären sie ein kleines Kind. Ich nehme meine ängstliche Seite gerne virtuell bei der Hand und zeige Verständnis für die Angst. Ich sage meiner kleinen Barbara, dass ich sie bei der Hand nehme und dass sie sich hinter meinem Rücken verstecken darf.
Sobald ich meine Angst anerkenne, statt sie zu sein, kann sie mich nicht mehr dominieren. Nun bin ich frei, aus dem bestehenden, stabilen Konfliktmuster auszusteigen – zum Beispiel, indem ich mich bewusst dafür entscheide, den Konflikt zu schüren, statt immer zu beschwichtigen und zu beruhigen – oder umgekehrt.
Mehr über das Beobachten innerer Vorgänge findest du in meinem neuen Buch „Weil es so nicht weitergeht“.
Über Barbara Küchler
Sie ist eine engagierte Schweizer Organisationsentwicklerin Coach und Autorin. Mit viel Herz und Gespür begleitet sie Menschen, Teams und Unternehmen auf ihrem Entwicklungsweg. Ihr Fokus liegt auf individueller und organisatorischer Stufenentwicklung. Sie erachtet ihren «Resonanzkörper» als ihr wichtigstes Arbeitsinstrument.. Durch kluge Impulse und tiefes Vertrauen in das Potenzial jedes Einzelnen hilft sie dabei, neue Perspektiven zu entdecken und nachhaltige Veränderungen zu gestalten.
In ihrem neuesten Buch «Weil es so nicht weiter geht» beschreibt sie detailliert und
nachvollziehbar die individuelle Entwicklung von Stufe 3 bis Stufe 8 inkl. vieler
Übungen.
Webseite: Entwicklung von Mensch und Organisation verstehen/fördern


