Ein Gastbeitrag von Barbara Küchler
Konflikte sind eine wunderbare Gelegenheit, uns und andere Menschen mehr oder weniger gleichzeitig in unterschiedlichsten Entwicklungsstufen wahrzunehmen.
Ich möchte mit meinem ersten Beitrag einen Überblick über den Einfluss der verschiedenen Entwicklungsstufen auf das Konfliktverhalten geben und gleichzeitig einen Einblick in die sich daraus ergebenden Dynamiken vermitteln.
Zwei Bemerkungen vorab: Wir können uns im Konflikt beruhigend oder schürend verhalten (Siehe Klaus Eidenschink). Beruhigen ist dabei nicht besser als schüren, denn Konflikte sind als Treiber der Veränderung essenziell. Es geht also nicht darum Konflikte zu vermeiden, sondern sie konstruktiv auszutragen.
Die 1. Entwicklungsstufe beeinflusst unbewusst unser Beziehungs- und Kommunikationsverhalten in jedem Moment. Unsere angeborene Persönlichkeit (extrovertiert versus introvertiert, zurückhaltend versus temperamentvoll, usw.) nimmt dabei ebenso Einfluss, wie unser Bindungsstil (sicher, anklammernd/ambivalent, vermeidend, verunsichert). Die Konfliktdynamik zwischen zwei «Anklammernden» wird beispielsweise ganz anders verlaufen, als diejenige zwischen «anklammernd und vermeidend» – ganz unabhängig vom Konfliktinhalt.
Auch die 2. Entwicklungsstufe nimmt einen grossen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen in Kontakt treten. Das, was wir in unserer frühesten Kindheit auf der Beziehungsebene erfahren haben, reproduzieren wir unser ganzes Leben lang weiter, so lange, bis wir anfangen zu hinterfragen, ob das wirklich der sinnvollste Weg der Beziehungsgestaltung ist. Wer beispielsweise als Kind gelernt hat, dass man viel Rambazamba machen muss, um wahrgenommen zu werden, wird dieses Muster genauso automatisch reproduzieren, wie jemand der gelernt hat, dass lieb, nett und heiter sein der beste Weg ist, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Jeder Mensch zwingt dabei den anderen seine Muster auf, und das wird sehr oft zur Quelle von destruktiven Konflikten.
In der 3. Stufe haben wir alle gelernt, unsere Interessen durchzusetzen. Dafür nutzen wir eine riesige Palette von Mustern; angefangen mit unzähligen Formen der Manipulation über nonverbale und verbale psychische Gewalt bis hin zu physischer Gewalt.
Bei Kindern sind diese Machtmuster oft noch sehr einfach zu erkennen. Als Erwachsene haben wir aber gut gelernt, diese «Machenschaften» so zu tarnen, dass wir sie oft nicht einmal mehr selbst bemerken. Wohl alle Menschen rutschen im Rahmen von Konflikten ab und an in diese dritte Stufe, weil sie uns unglaublich viel Macht beschert. Diese Stufe schlägt mit ihrem schürenden Verhalten machtmässig alle anderen.
In der 4. Stufe möchten wir gute Menschen sein und als gute Menschen haben wir keine Konflikte. Spannungen entstehen aber auch in dieser Stufe zuhauf, und diese Spannungen müssen irgendwo hin.
Diese Stufe zeichnet sich dadurch aus, Konflikte zu verschieben (z.B. auf einen äusseren Feind oder einen schwarzen Peter) oder sie über Double Binds kalt auszutragen.. Double Binds (das Gesagte stimmt nicht mit dem Gemeinten überein) sind schwer zu ertragende kommunikative Botschaften, die ein ganzes System lähmen können.
In Stufe 5 bemüht man sich um eine sachliche, faktenbasierte Sicht auf die Dinge. Entsprechend sachlich wird also argumentiert. Die besten Argumente sollen gewinnen. Das ist wieder eine sehr machtvolle Stufe, die in sich Konflikte schürt. Wenn mehrere Menschen mit einer Stufe 5-Kommunikation miteinander diskutieren, kann ein Konflikt entsprechend rasch eskalieren. Mit ihrer schürenden Kommunikation gelingt es der Stufe 5 auch locker,, die nachfolgenden Stufen 6 und 7 auszuhebeln.
Die Stufe 6 bemüht sich um die Integration verschiedener Sichtweisen. Sie wirkt mit verschiedenen Kommunikationsmustern sehr beruhigend und integrierend. Solange sich alle am Gespräch beteiligten Menschen mehrheitlich in dieser Kommunikationskultur bewegen, wird ein sporadischer provozierender Beitrag aus der Stufe 5 als sinnvoll und belebend erlebt. Wenn aber gegenseitiges Verstehen und provokatives Rechthaben sehr einseitig verteilt sind, wird es für die «Verstehenden» zunehmend frustrierend, weil sie mit ihrem Muster keine Chance haben, zu gewinnen.
In der 7. Stufe steht der tiefere zwischenmenschliche Kontakt im Zentrum. Diese Stufe kann uns dabei unterstützen, unsere frühen Bindungs- und Beziehungsstörungen zu erkennen und uns gegenseitig im Heilungsprozess zu unterstützen. Das setzt aber voraus, dass sich alle Beteiligten relativ stabil auf diese Stufe einlassen können. Alle früheren Kommunikations- und Beziehungsmuster wirken dabei irritierend bis störend.
Aus der Perspektive der Stufe 8 können wir erkennen, dass jede dieser Stufen Vor- und Nachteile hat, und wir können lernen, die verschiedenen Stufen wechselseitig so einzusetzen, dass Konflikte zu einem konstruktiven Prozess werden.
Soweit der Überblick. In weiteren Beiträgen will ich vertiefter auf die einzelnen Stufen und mögliche sinnvolle Reaktionen eingehen. Hinweise auf diese Beiträge findest du in den kommenden Newslettern.
Über Barbara Küchler
Sie ist eine engagierte Schweizer Organisationsentwicklerin Coach und Autorin. Mit viel Herz und Gespür begleitet sie Menschen, Teams und Unternehmen auf ihrem Entwicklungsweg. Ihr Fokus liegt auf individueller und organisatorischer Stufenentwicklung. Sie erachtet ihren «Resonanzkörper» als ihr wichtigstes Arbeitsinstrument.. Durch kluge Impulse und tiefes Vertrauen in das Potenzial jedes Einzelnen hilft sie dabei, neue Perspektiven zu entdecken und nachhaltige Veränderungen zu gestalten.
In ihrem neuesten Buch «Weil es so nicht weiter geht» beschreibt sie detailliert und
nachvollziehbar die individuelle Entwicklung von Stufe 3 bis Stufe 8 inkl. vieler
Übungen.
Webseite: Entwicklung von Mensch und Organisation verstehen/fördern



2 Responses
Liebe Barbara
Spannend! Du nennst 8 (Entwicklings-)Stufen. Warum Stufen und nicht z.B. Aspekte oder Perspektiven? Stufen suggeriert eine Abfolge. Eines Konflikts? Kann die Abfolge auch anders verlaufen? Wenn ja, warum genau diese Reihenfolge?
Lieber Simon,
Danke für deine Frage. Es geht tatsächlich um eine Abfolge von sogenannten vertikalen Entwicklungsschritten. Wenn wir horizotal lernen, dann nehmen wir neue Informationen auf und passen sie an unsere innere Struktur an. Einer vertikalen Entwicklung geht in der Regel eine grössere Irritation voraus. Wir merken, dass irgend etwas an unserer inneren Struktur nicht mehr passe und wir verändern unsere Logik.
Beispiel für horizontales Lernen:
• Aktuelle Innere Logik: Das Verhalten eines Menschen lässt auf seinen Charakter schliessen.
• Konkrete Situation: Peter verhält sich destruktiv.
• Lernen horizontal: Peter hat einen destruktiven Charakter.
Ich setzte das Beispiel mit vertikalem Lernen fort:
• Ich sehe, dass sich Peter im Kontext von anderen Menschen sehr konstruktiv verhält.
• Ich fange an zu grübeln.
• Ein Coach lenkt meinen Blick auf zirkuläre Wirkung von Beziehungen.
• Ganz allmählich weitet sich meine aktuelle Handlungslogik aus.
Die neue innere Logik: Das Verhalten eines Menschen hängt nicht nur vom Charakter ab, sondern auch vom Verhalten seines Umfeldes.
In diesem Falle hat die Umweltinformation zur Anpassung der inneren Logik geführt.
Jede neue Logik ist differenzierter als die vorangehende.
Und jede Logik baut auf der vorangehenden auf, das zeigen verschiedenste teils unabhängige Forschungen.
Einer der Urväter dieser Vorschung ist übrigens der Schweizer Jean Piaget, der diese Entwicklung bei Kindern erforschte. Heute liegt der Forschungsschwerpunkt in Harvard.