Die meisten von uns kennen es: Der Newsfeed in sozialen Medien scheint oft von aufwühlenden, sensationellen und nicht selten polarisierenden Inhalten dominiert zu werden. Algorithmen, die auf Engagement – also Klicks, Likes und Shares – optimiert sind, befeuern diese Entwicklung. «Das ist aber eben auch oft Content, der nicht wirklich förderlich für den gesellschaftlichen Diskurs ist und oft auch relativ ungesund für die mentale Gesundheit», analysiert Vardon Hamdiu im Gespräch.
Der «Bridging-Algorithmus» als Ziel
Vision aus Konflikterfahrungen
Die Motivation für Sparkable ist für Vardon tief persönlich. Über seine Familie wurde er von den vielfältigen Auswirkungen von Kriegserfahrungen geprägt. Er verstand früh, «was das bedeutet, wenn konstruktive Konfliktbewältigung nicht mehr funktioniert». Diese Erlebnisse, verbunden mit der Erkenntnis, dass Technologie – etwa Facebook im Kontext des Genozids an den Rohingya in Myanmar – destruktive Prozesse beschleunigen kann, führten zu einer Kernüberzeugung: «Wenn Technologie dazu beitragen kann, dass es einen Genozid gibt, dann kann Technologie auch das Gegenteil, wenn sie anders gestaltet ist.»
Vom Bundeshaus zur Non-Profit-Plattform
Vor Sparkable arbeitete Vardon fünf Jahre in der Kommunikation von Bundesrat Alain Berset, sichtete täglich Hunderte Medienartikel und engagierte sich parallel in der Arbeit mit Geflüchteten. Dieser Kontrast zwischen oft negativen Mediennarrativen und realen menschlichen Begegnungen schärfte seinen Blick für die problematischen Geschäftsmodelle hinter vielen Medien. Sparkable startete als Idee für ein neues, gemeinnütziges Medienmodell, entwickelte sich dann aber zur Social-Media-Plattform. Heute ist Sparkable eine Non-Profit-Organisation, spendenfinanziert und getragen von über zehn Freiwilligen. Die Plattform wurde im Sommer 2024 offiziell lanciert.
Design, das Verhalten lenkt
Ein spannender Aspekt von Sparkable ist das bewusste Design. So steht der Name der Autorin oder des Autors beispielsweise unter dem Beitrag, nicht prominent darüber. «Wir wollten wirklich Fokus auf die Nachricht und nicht auf die Nachrichtenüberbringer», erläutert Vardon. Diese und andere Design-Entscheidungen sollen Filterblasen entgegenwirken und den Inhalt in den Vordergrund rücken. «Es gibt kein neutrales Design», betont er, «Design verändert unser Verhalten.»
Herausforderungen und grosse Träume
Seit dem Launch sei das Interesse erfreulich gross, und die Bereitschaft vieler Menschen, sich freiwillig zu engagieren, habe ihn positiv überrascht. Dennoch steht Sparkable vor der klassischen «Huhn-Ei-Problematik»: Um qualitativ hochwertigen Content zu generieren, braucht es Nutzerinnen und Nutzer – und um diese anzuziehen, guten Content. Langfristig ist es Vardons Traum, dass Sparkable nicht nur eine nützliche Plattform wird, sondern auch «Cultural Impact» erzielt und vielleicht sogar grössere Plattformen zu prosozialen Anpassungen inspiriert.
Perspektivenwechsel als Motor für Entwicklung
Die Verbindung zur integralen Denkweise und zur Integralen Politik sieht Vardon im Kernanliegen des Perspektivenwechsels. «Ich lerne am besten dazu, wenn ich einen Perspektivenwechsel machen kann», sagt er. Sparkable sei der Versuch, genau diesen Effekt zu fördern und Systeme zu gestalten, die das Beste im Menschen hervorbringen – den Anreiz, zuzuhören und zu verstehen, anstatt nur laut zu schreien.
Von der heutigen Politik wünscht sich Vardon Rahmenbedingungen, die prosoziales Verhalten in Technologie und Wirtschaft fördern und destruktive Praktiken eindämmen. Auch das politische System selbst, so seine Vision, benötige ein Update, um Anreize für Kooperation statt für Konfrontation zu schaffen – beispielsweise durch die Stärkung von Bürger:innenräten mit Losverfahren.
Sparkable steht noch am Anfang einer grossen Reise. Doch die Vision, soziale Medien als verbindendes Element in der Gesellschaft neu zu denken, ist ein wichtiger Impuls in einer Zeit, die dringend konstruktive Dialogräume benötigt.
Links
- https://sparkable.cc/ – Sparkable ausprobieren


