Staatsoberhäupter unter sich.

Utopische Geschichte eines geheimen Gipfeltreffens

Von Werner Kaiser

 

Vorwort

Sehr schnell kommt uns ein Pauschalurteil über die Lippen. Und dies gerade über die Mächtigen der Erde. Putin ist ein Verbrecher, Trump ist ein Lügner. Ich tat es nicht anders, bis mir Zweifel kamen.

Kann ich über einen Menschen ein Urteil bilden, bevor ich ihn verstanden habe? Und kann ich ihn verstehen, wenn ich ihn nur vom Hörensagen kenne, wenn ich ihm nie selber zugehört habe? Ist in diesem Sinn mein Urteil nicht ein Vorurteil?

Natürlich darf ich eine seiner Handlung falsch, böse oder kriminell finden. Aber seine Person? Um ihn als Person zu beurteilen, muss ich ihn doch zuerst anhören. Und überhaupt, ist ein pauschales Urteil nicht zum Vornherein ungerecht? Ist es nicht einfach ein Beitrag zum allgegenwärtigen Hass, zur verbreiteten aggressiven Stimmung, die letztlich zu Aufrüstung und Krieg führt?

Vielleicht ist es plötzlich einmal wichtig, ein Urteil zu fällen. Zum Beispiel wenn ich mir eine Meinung bilden muss. Doch wird auch mein Urteil kompetenter sein, wenn ich verstanden habe.

Aus all diesen Überlegungen habe ich mir vorgenommen, ein paar wichtige Staatsoberhäupter kennenzulernen, ihre Reden anzuhören, ihre Schriften zu lesen, ihre Interviews zu studieren. All das steht ja offen zur Verfügung, ist im Internet auffindbar. Die Arbeit faszinierte mich immer mehr, denn es eröffneten sich mir ganz neue Perspektiven über das politische Geschehen. Nicht dass ich nun die Untaten der Grossen rechtfertige, aber dass ich verstehe, aus welcher Überzeugung sie handeln. Dass ich ihnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, ohne alles zu rechtfertigen.

Was ich dabei erfahren habe, ist hier in eine Erzählung eingeflossen. Wie könnte es sich auswirken, wenn wir einander unvoreingenommen zuhören, wenn Politik sich auf vorurteilsloses Verstehen der andern stützen würde? So utopisch sich das anhört, es lohnt sich, sich das einmal plastisch vor Augen zu führen.

Die ganze Geschichte ist frei erfunden. Nur die Selbstdarstellungen der Staatsoberhäupter, die den Kern der Erzählung bilden, stützen sich ab auf das Studium ihrer Reden, Interviews und Schriften. Meine Erzählung will eine Einladung sein, eine neue Perspektiven auszutesten.

Eine inhaltliche Übersicht

Ein geheimes Treffen

Es ist noch nicht lange her, da traf bei mehreren Staatsoberhäuptern ein Brief ein mit dem Vermerk «streng geheim». Der Text kam vom türkischen Präsidenten Recef Erdogan und lautete wie folgt:

«Liebe Staatsoberhäupter

Ich habe es satt, von der Öffentlichkeit regelmässig beschimpft, beleidigt und bedroht zu werden. Tag für Tag strengen wir uns an, widmen unsere ganze Zeit den Geschäften unserer Bürgerinnen und Bürger, und statt eines Dankes überschütten sie uns mit Vorwürfen, schimpfen, beleidigen, greifen uns an.

Ich schlage euch deshalb ein geheimes Treffen vor, in welchem wir das Problem einmal angehen. Gewiss, wir haben grosse Differenzen untereinander, doch das genannte Problem scheint mir Grund genug zu sein, uns einmal zusammenzufinden.

Ich habe provisorisch eine grosse unterirdische Regierungshalle für zwei Termine reserviert und hoffe, dass euch einer davon passt. Es sind dies der 24. Oktober und der 9. November dieses Jahres. Für diskreten Anflug, Übersetzungsanlage und sichere Unterkunft werde ich sorgen.

Ich freue mich auf dieses bedeutsame Treffen und grüsse euch freundlich, euer Recef Erdogan.

 

Nicht alle wollten teilnehmen. Einige meldeten sich nicht. Irgendwie verständlich: Schliesslich hatten sie ihre Verpflichtungen. Aber eine Gruppe Interessierter antwortete, neun an der Zahl. Als Termin wurde der 24. Oktober gewählt, der Jahrestag der Gründung der UNO. Recef Erdogan hatte den Angemeldeten inzwischen die Ankunftszeit und die Koordinaten für den unterirdischen Flughafen in den Bergen mitgeteilt. Eine Gruppe Kampfjets stand für unerwartete Zwischenfälle bereit. Es konnte losgehen.

Alle sassen im Kreis, auf bequemen Sesseln. Man hatte sich begrüsst, zum Teil herzlich, zum Teil reserviert. Waren doch viele bisher verfeindet gewesen. Es wurde still, und Recef Erdogan begann seine Begrüssungsrede.

«Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich begrüsse euch herzlich zu unserem Treffen, dem ersten dieser Art. Nicht alle Eingeladenen können oder wollen daran teilnehmen. Entschuldigt haben sich, in der Reihenfolge des Eingangs: Lula da Silva aus Brasilien, er macht gerade eine Tour durch den Urwald, um den Schaden der illegalen Abholzung einzuschätzen; Viola Amherd aus der Schweiz, sie habe einen Termin bei der Rüstungsindustrie; Wolodymyr Selensky, er will nicht teilnehmen, weil Wladimir Putin dabei ist; und schliesslich Feleti Teo von der Insel Tuvalu. Seine Insel ist wieder einmal zu einem Drittel vom ständig steigenden Meer überflutet, und er will die Bevölkerung in dieser Situation nicht im Stich lassen. Von allen andern habe ich nichts gehört.

Nun zum Ablauf des heutigen Tages. Mit eurer Anmeldung habt ihr euch mit meinem Vorschlag einverstanden erklärt. Ich bin froh darüber, denn es ist wichtig, dass wir nicht zu viel Zeit für das Protokollarische verlieren. Ich wiederhole hier das Wichtigste: In freier Reihenfolge wird jede und jeder von uns 20 Minuten Zeit haben, um sich vorzustellen. Es geht dabei vor allem darum, eure Grundeinstellung und euer Grundanliegen im politischen Handeln darzulegen. Anschliessend besteht jeweils Gelegenheit, dem oder der Vortragenden drei kritische Fragen zu stellen. Die Antwort soll kurz sein, damit wir den Zeitplan einhalten können. Pause machen wir nach Bedarf. Für die Verpflegung steht ein grosses Buffet bereit. Bedient euch immer dann, wenn es euch gelüstet. Wenn wir nicht zu ausufernd werden, können wir die Runde um 19 Uhr beenden. Es besteht dann die Möglichkeit heimzureisen, aber auch Übernachtungsgelegenheit ist für alle möglich.

Nun darf ich die Anwesenden kurz vorstellen. Mit Xi Jinping, Wladislaw Putin und Donald Trump sind die drei mächtigsten Staaten vertreten.  Aus Europa sind dabei die Präsidentin der Europäischen Union Ursula von der Leyen, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Viktor Orban, Präsident von Ungarn. Benjamin Netanjahu aus Israel und sein Gegenspieler Yahya Sinwar von der Hamas vertreten den nahen Osten, und ich selber, Recef Erdogan, vertrete die Türkei, das Land, das Europa und Asien verbindet.

So lasst uns beginnen. Hat jemand Lust, die Runde zu eröffnen?»

Benjamin Netanjahu

Benjamin Netanjahu eröffnet die Runde.

Benjamin Netanjahu: «Ja, ich möchte beginnen. Der Grund ist, dass ich vermutlich nicht am ganzen Treffen dabei sein kann. Zuhause ist der Teufel los. Es kann jederzeit ein Telefonanruf kommen, und ich muss euch verlassen.»

«Schade, Benjamin», sagt Recef Erdogan. «Doch wir freuen uns, dich jetzt zu hören. Wenn der Anruf kommt, melde dich. Ein Offizier wird dich zum Flugzeug geleiten.»

«Danke, Recef. Von der Staatsgründung Israels an musste ich erleben, wie Israel von Ländern umringt ist, die es vernichten wollen. Endlich hatten wir Juden, nach jahrhundertelanger Verfolgung, ein Land, in dem wir ohne Verfolgung leben konnten. Das sollte uns nicht wieder genommen werden. Wir würden es mit allen Mitteln gegen jene verteidigen, die es zerstören wollen. Israel vor der drohenden Vernichtung zu schützen, dieses Ziel verfolgte und verfolge ich mit letzter Konsequenz. Dazu sind mir übrigens alle Mittel recht, die sich dazu aufdrängen, auch wenn sie nicht den Erwartungen der Welt entsprechen.

Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass wir nicht nur unser Land, sondern die ganze Kultur der zivilisierten Staaten schützen. Die Hamas ist Teil einer internationalen Bewegung, der es darum geht, ein veraltetes, brutales System wieder einzuführen.

Wenn wir Juden im Frieden leben wollen, müssen wir die militärische Kontrolle über ganz Palästina haben. Ohne das gibt es keine Ruhe. Ich habe deshalb keine Wahl, ich muss die Hamas zerstören. Solange sie nicht völlig ausgelöscht ist, kann sich das Massaker vom 7. Oktober jederzeit wiederholen. Wir geben uns im Krieg alle erdenkliche Mühe, die Zivilisten zu verschonen, soweit es überhaupt möglich ist, im Gegensatz übrigens zur Hamas, die Zivilisten als Schutzschilder missbraucht.

Ihr könnt mich anklagen und beschimpfen, soviel ihr wollt, eines müsst ihr mir zugestehen: Ich habe ein gutes Ziel und bin in meiner Haltung konsequent.»

«Ich danke dir, Benjamin», sagt Recef Erdogan, «für deine ehrlichen, unverblümten Worte. Wie abgemacht, können dir jetzt drei von uns je eine Frage stellen. Ich bitte dich, sie so kurz und konzentriert wie möglich zu beantworten. Wer hat eine Frage an Benjamin? Ja, Giorgia.»

  • Giorgia Meloni: «Ihr habt bei vielen Völkern durch euer hartes, zum Teil völkerrechtwidriges Durchgreifen an Sympathie eingebüsst. Viele Staaten werden euch nicht mehr unterstützen. Ist der Schaden dieses Krieges für Israel nicht grösser als der Nutzen?»

Netanjahu: «Ich denke, dass viele Staatsoberhäupter meine Position verstehen, wagen es aber angesichts der Demonstrationen und Medienkampagne nicht, es offen zu sagen. Ich vermute, im Grunde versteht auch ihr mich gut. Von euch, Donald, weiss ich, dass ihr bedingungslos hinter uns steht. Auch Staatsoberhäupter aus den arabischen Staaten beginnen zu merken, dass der Iran und seine Vasallen besiegt werden müssen, wenn Frieden entstehen soll.»

  • Xi Jinping meldet sich als nächster: «Es gibt in der europäischen Philosophie den Spruch ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘. Wenn ich mich nicht täusche, wird dieser Spruch in der europäischen Ethik allgemein abgelehnt. Stehst du zu diesem Spruch, auch wenn er den Tod von Tausenden unbeteiligter Zivilisten bedeutet?»

Netanjahu: «Ich ziehe andere Mittel vor, um mein Ziel zu erreichen. Doch es gibt keine anderen Mittel.»

 

Donald Trump richtet sich auf. «Da ist es schwierig, nicht zu kontern», brummt er dazwischen. «Ich hätte da einiges zu sagen. Aber geht in Ordnung. Ist ja so abgemacht. »

Recef Erdogan nimmt den Faden auf: «Ja, ich bin froh, wenn wir uns an die Abmachung halten. Wir könnten uns ja an einem späteren Anlass zum Diskutieren treffen.»

«Finde ich eine gute Idee», meint Xi Jinping. «Ich werde euch dazu nach Peking einladen.»

«Gut, doch davon später», sagt Recef Erdogan. «Wir haben noch eine dritte Frage. Du, Ursula, hast dich vorhin gemeldet.»

  • «Gerne», sagt Ursula von der Leyen: «Kann es in Palästina in absehbarer Zeit überhaupt je einen Frieden geben? Der gegenseitige Hass ist gross, weder Israel noch die Palästinenser werden das Leid so schnell vergessen. Habt ihr eine Vision, wie Palästina nach dem Krieg aussehen soll?»

Netanjahu: «Ja, haben wir. Die Terrororganisationen werden zerschlagen sein, der Gazastreifen entmilitarisiert. Es wird keinen palästinensischen Staat geben, Israel wird die Sicherheitskontolle über Gaza behalten. Die Verwaltung des Gazastreifens wird von Leuten besetzt, die keine Bindung an eine Terrororganisation haben. Und die Palästinenser werden gemerkt haben, dass das Leben besser ist als der Tod.»

Yahya Sinwar

In der Runde gibt es sichtbare Zeichen von Erregung. Doch alle versuchen, sich zurückzuhalten und im Interesse des Anlasses ihre Ruhe zu bewahren. Kaum hat Benjamin Netanjahu geendet, meldet sich schon Yahya Sinwar als zweiter Redner:

Yahya Sinwar: «Ich will gleich anschliessen. Das gibt euch die Chance, den Gazakonflikt auch von unserer Sicht her zu verstehen. Keine Angst, ich werde nicht die Aussagen Benjamins anfechten, ich werde mich überhaupt nicht auf ihn beziehen. Ich werde meine Sicht der Dinge neben die seine stellen. Unsere Positionen sind notgedrungen radikal gegensätzlich, aber ich denke, man kann uns beide verstehen.

Ich danke dir übrigens, Recef, dass ich als einziger nicht mehr lebender Mensch hier auftreten darf. Wie ihr wisst, wurde ich am 16. Oktober des letzten Jahres von Benjamins Soldaten ermordet. Da immer wieder leitende Palästinenser im Gazastreifen umkommen, herrscht im Moment keine Klarheit über die kommende Führung. So bin ich als letzte starke Führungsperson zu euch delegiert worden. Ich hoffe auf euer Verständnis.

Wenn ich von der Not unseres Volkes spreche, weiss ich, wovon ich rede. Ich bin in einem Flüchtlingslager im Gazastreifen geboren. Ich habe miterlebt, wie Israel die palästinensische Bevölkerung schikanierte, aushungerte, bombardierte, einsperrte. Ich war 24 Jahre in israelischer Gefangenschaft, ohne Anklage, ohne Prozess, wie üblich in Israel.

Israel wurde auf unsere Kosten gegründet. Ein Gebiet unseres Landes wurde herausgeschnitten und uns genommen. 170‘000 Menschen wurden gewaltsam aus ihrem Land vertrieben. Seither werden wir als Menschen zweiter Klasse behandelt. Im Gazastreifen wurden wir rundherum von der Welt abgeschnitten. Kein Volk der Welt würde so etwas akzeptieren. Wir haben genug von den Schikanen Israels, von den leeren Worten der westlichen Welt, von 70 Jahren Unterdrückung. Israel muss weg!

Wir können uns keinen klassischen Krieg leisten. Wer will schon einer Atommacht mit Steinschleudern entgegentreten? Über lange Zeiträume haben wir auf gewaltlose Formen des Widerstands zurückgegriffen. Wir erwarteten von der internationalen Gemeinschaft, den freien Völkern und den internationalen Organisationen, dass sie uns unterstützen würden und die Besatzung daran hindern, Verbrechen und Massaker an unserem Volk zu begehen. Aber leider sah die Welt tatenlos zu, wie die Kriegsmaschinerie der Besatzungsarmee unsere Kinder tötete. So schlugen wir los.

Auf meinen Kopf waren 400‘000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Aber ich habe mich nie gefürchtet. Das größte Geschenk, das sie mir machen konnten, war, mich zu ermorden. So konnte ich als Märtyrer zu Allah, dem Allerhöchsten, aufsteigen.

Ich bitte euch nun, mir eure Fragen zu stellen.»

Noch während er redet, klingelt ein Mobiltelefon. Es ist der Anruf an Benjamin Netanjahu. «Ja, Hallo … Nein, ich komme nicht. Bin an einem wichtigen Anlass. Entscheidet selber… Nicht zu nachsichtig, unser Ziel muss erreicht werden.» Dann, zur Gruppe: «Machen wir weiter»

  • Recef Erdogan beginnt: «War der Angriff auf die Zivilbevölkerung in Israel vom 7. Oktober letzten Jahres nicht kontraproduktiv für euch? Ihr werdet für lange Zeit als grausame Terroristen in der Weltöffentlichkeit dastehen».

Sinwar: «Was können wir tun? Die weiße Flagge hissen? Sollen wir uns freiwillig töten lassen und zu Opfern werden, die zugrunde gehen, ohne einen einzigen Schrei zu erheben? Wenn ich einen Anschlag organisiere, bin ich in den Schlagzeilen aller Zeitungen. Wenn ich Gerechtigkeit einfordere, hört mir niemand zu. Die Weltgesellschaft lässt uns im Stich. Aber wir sind entschlossen, unser Volk mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften zu verteidigen.»

  • Benjamin Netanjahu fragt: «Euer Angriff hat möglicherweise eine unvorhersehbare Katastrophe in der ganzen Region zur Folge, wohl auch für eure Freunde in Irak und in euren Nachbarländern. Wie kannst du das verantworten?»

Sinwar: «Ich verantworte unsern verzweifelten Hilfeschrei vom 7. Oktober mit all seinen Opfern. Was anschliessend geschah, steht in der Verantwortung anderer.»

  • Viktor Orban, der sichtlich mit angestrengter Aufmerksamkeit zugehört hatte, fragt: «Was erhofft ihr euch in der Zukunft? Was sind eure Vorstellungen vom Leben im Gazastreifen und im restlichen Palästina?»

Sinwar: «Eine Zweistaatenlösung lehnen wir ab. Das würde die Anerkennung Israels bedeuten. Ich wünsche mir einen Staat, in dem alle Bürger Palästinas gleichberechtigt leben. Da könnten wir vielleicht eine politische Partei sein. Aber zuerst muss die Besetzung durch Israel beendet werden.»

Xi Jinping

Ein Aufatmen geht durch die Runde. Insgeheim hatte jeder eine Eskalation befürchtet. Doch eigentlich konnte man ja beide verstehen, jeden in seinem Kontext. Sie wollen beide radikalen Kampf, Natanjahu für die Verteidigung Israels, Sinwar für die Freiheit seines Volkes. Jedenfalls bleibt es ruhig in der Versammlung. Offenbar wollen alle das Konzept des Tages nicht stören.

Nun ergreift Xi Jinping das Wort: «Ich kann es nicht erwarten, dir, Recef, zu dieser Einladung zu gratulieren. Uns ohne Vorurteile, ohne Argwohn, ohne Hass zu begegnen und einander zuzuhören, das kann wie kaum etwas anderes dem Frieden dienen.

Ich bin aus dem Volk hervorgegangen, aus einfachsten und schwierigsten Verhältnissen. Ich bin deshalb mit dem Volk verbunden, kenne seine Not, seine Anliegen. Das Volk ist das Entscheidende in unserem Land. Wir von der kommunistischen Partei müssen es organisieren, mit ihm kommunizieren, es erziehen, aber auch ihm dienen, von ihm lernen und uns seiner Kontrolle unterziehen.

Mein Ziel, für das ich mich ganz einsetze, ist die Verwirklichung des chinesischen Traumes, für unsere Nation, aber auch für jeden einzelnen. Bei diesem Traum geht es um die Gestaltung eines sozialistischen Staates mit chinesischem Charakter. Um dieses Ziel zu erreichen, wollten wir bis 2021 eine Gesellschaft mit moderatem Wohlstand werden. Das haben wir erreicht. Als nächste Etappe wollen wir bis 2049, der Jahrhundertfeier der Gründung der Volksrepublik, ein modernes sozialistisches Staatswesen werden, wohlhabend, stark, demokratisch, kulturell gebildet und harmonisch.

China will den Frieden, denn nur im Frieden können wir den chinesischen Traum verwirklichen. Ich habe an vielen Orten der Welt in meinen Reden erklärt, dass wir Hegemonismus und Machtpolitik in allen Formen ablehnen, dass wir uns nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischen und niemals Hegemonie oder Expansion anstreben werden. Wir wollen uns entwickeln, aber nicht auf Kosten anderer Länder. Wo ich hinkomme, plädiere ich für Frieden, Entwicklung und Zusammenarbeit. Das ist das Leitprinzip unserer ganzen Politik.

Bei unserem Streben nach friedlicher Entwicklung werden wir aber niemals unsere legitimen Rechte und Interessen opfern. Wir werden nicht dulden, dass unsere Souveränität, Sicherheit oder Weiterentwicklung bedroht werden. Wir erwarten, dass andere Staaten uns respektieren und sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten einmischen.

Gerne bin ich nun bereit, auf eure Fragen zu antworten.»

  • Wladimir Putin beginnt dir Fragereihe: «Lieber Kollege Xi, was sagst du zum Vorwurf, du würdest Taiwan, das ja kürzlich für die Unabhängigkeit abgestimmt hat, mit einem Einmarsch bedrohen?»

Xi: «Taiwan war immer ein Teil Chinas und wird es bleiben. China und Taiwan haben eine lange gemeinsame Geschichte, sie gehören zusammen. Noch 1971, als es um die Mitgliedschaft Chinas in der UNO ging, beschloss die UNO die Ein-China-Doktrin. China wurde aufgenommen, Taiwan nicht. 1979 bestätigten auch die USA diesen Sachverhalt. Wir betrachten die Bestrebungen zur Unabhängigkeit Taiwans als eine Bedrohung für den Frieden. Wir werden der Abspaltung von China Widerstand entgegensetzen, notfalls mit Gewalt.»

  • Donald Trump stellte die zweite Frage: «Unsere Geheimdienste melden uns, dass die Uiguren bei euch in Zwangslagern interniert sind und unmenschlich behandelt werden. Was sagst du dazu?»

Xi: «Ganz abgesehen davon, dass wir ausländische Einmischung in unsere nationalen Angelegenheiten nicht akzeptieren, gibt es Gründe für unser Handeln. Die gewaltsamen Unabhängigkeitsbestrebungen der Uiguren reichen weit ins 20. Jahrhundert zurück. Anfang dieses Jahrhunderts verstärkten sich die Anschläge. 2009 starben dabei 200 Menschen, 2013 gab es 5 Todesopfer, 2014 waren es 74. Wir brauchten Massnahmen zur Erhaltung von Stabilität und Ordnung. Internierung und Umerziehung sind eine humanere Methode als Krieg und Bombardierung.»

  • Benjamin Netanjahu fährt weiter: «Und was sagst du zur vollständigen elektronischen Überwachung eurer Bevölkerung? Bedeutet das nicht Entmündigung der Bürgerinnen und Bürger?»

Xi: «Auch hier gilt: Wir brauchen keine Einmischung in unsere Angelegenheiten. Umfragen haben übrigens klar gezeigt, dass die Bevölkerung mehrheitlich zu unserem Überwachungssystem steht. Die Menschen denken zurecht, dass die Überwachung zur Kriminalitätsbekämpfung und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung beiträgt. Das Belohnungsprinzip wird gerade von den konstruktiv eingestellten Menschen geschätzt.»

Rund um das Buffet

Recef Erdogan fasst zusammen. «Wir haben drei unserer Teilnehmenden gehört. Die Spannung, die uns gewöhnlich trennt, wurde zeitweise spürbar. Doch ich denke, es lohnt sich, für einmal nur zuzuhören. Wir können so verstehen, wie wir alle denken und was wir letztlich in der Politik anstreben. Ich schlage nun eine erste Pause vor.

Ihr könnt euch irgendeinen Sessel suchen, oder ihr könnt euch am Buffet bedienen oder einfach miteinander ins Gespräch kommen. Dabei empfehle ich euch, keine kontroversen Diskussionen zu führen. Das könnte uns von unserer Absicht, einander unvoreingenommen zuzuhören, abbringen. Wir machen dreissig Minuten Pause!»

Die Begegnungen laufen zögerlich an. Die meisten bewegen sich in Richtung Buffet, fassen einen Teller und füllen ihn mit den Delikatessen aus verschiedenen Ländern. Einige ziehen sich mit ihrer Ausbeute in den Hintergrund. Darunter auch Donald Trump, der mit Viktor Orban einen Deal über die Zölle zwischen den USA und der EU einfädeln will.

Noch verläuft das Gespräch auf mässigem Geräuschpegel. Getränke helfen, Unsicherheit zu überspielen. Ziemlich lebhaft diskutiert Giorgia Meloni, die sich Recef Erdogan zugesellt hat. Beide halten ein Glas Wein in der Hand.

Wladimir Putin hat sich etwas zurückgezogen und zückt sein Handy. «Recef, ist dieser Raum auch wirklich abhörsicher?» ruft er durch den Saal. «Absolut abhörsicher», antwortet Erdogan. «Der Raum dient auch für Regierungssitzungen. Ich liess die Anlage nochmals von zwei unabhängigen Spezialisten überprüfen.»

Yahya Sinwar scheint unentschlossen, schliesslich spricht er Benjamin Netanjahu an: «Ich habe nachgedacht. Eigentlich sind wir uns ähnlich. Du willst uns ausrotten, wir euch. Gesinnungsgenossen mit umgekehrten Vorzeichen». Er wartet auf Antwort. Diese ist leider im langsam wachsenden Geräuschpegel nicht mehr zu verstehen.

Giorgia Meloni zupft Ursula von der Leyen am Ärmel. «Ursula, kann ich dich kurz sprechen?»

«Eigentlich nicht. Aber sprich.»

«Wir sind uns in einem Punkt nicht einig. Ich möchte für Italien volle Selbständigkeit für alle internen Angelegenheiten, und du kämpfst für das Gemeinsame in der EU. Das müsste eigentlich kein Widerspruch sein. Man könnte sich irgendwo in der Mitte finden. Brüssel kann nicht einfach über uns verfügen. Wir müssten im Rat unbedingt einmal darüber diskutieren.»

«Ich werde darüber nachdenken», sagt von der Leyen und kehrt zur Gruppe beim Buffet zurück.

Die Gespräche plätschern noch eine Zeitlang dahin, dann ruft Recef Erdogan zur nächsten Gesprächsrunde.

Giorgia Meloni

Alle sitzen wieder in der Runde, gespannt, wie es weitergeht. «Wir haben noch die Reden von den drei Gästen aus Europa, der beiden Grossmächte Russland und USA sowie mich von der Türkei vor uns», beginnt Recef Erdogan. «Ich schlage vor, in dieser zweiten Runde die drei Gäste aus Europa anzuhören. Hat jemand von euch einen anderen Vorschlag? Niemand. Giorgia, magst du beginnen?»

Giorgia Meloni: «Mein zentrales Thema ist die Identität, auf allen Ebenen. Die Identität des Individuums gegen alle Versuche, uns zur Nummer zu machen. Ich stellte mir seit meiner Jugendzeit die Herausforderung, mich selber zu bleiben, was es auch koste. Ich will wissen, wer ich bin, mit allen Schwächen. Ich habe nie den Weg gehen wollen, den alle gehen, der dominierenden Meinung anzuhangen.

Als zweites die nationale Identität. Italien hat eine eigene Geschichte und Kultur. Ich verteidige Italien gegen alle Gleichmacherei, alle bürokratischen Übergriffe der Europäischen Union auf unser Land. Ich befürworte die EU, aber sie darf die Souveränität der einzelnen Staaten nicht angreifen.

Und schliesslich geht es mir um die Identität Europas, gegen alle übermässige Vermischung der Kulturen, vor allem mit dem Islam. Das wuchernde Ideal der Globalisierung spaltet die Völker ab von ihren Traditionen und ihrer Eigenart. Europa ist eine kulturelle Einheit mit christlicher Ausprägung und soll es bleiben.

Zu meiner Identität gehört auch, dass ich eine Frau bin. Ich wurde oft als Frau beschimpft, doch ich sehe keinen Grund, spezielle Gesetze für Frauenrechte zu erlassen. Wenn uns Frauen die Emanzipation gelingt, dann sicher nicht, weil die Männer uns das zugestehen. Das erkämpfen wir uns selber. Frauenquoten lehne ich deshalb ab.

Ich bin aber nicht nur Frau, sondern auch Mutter. Das Muttersein prägt meine Politik. Meine eigene Mutter wurde gedrängt, mich abzutreiben, hat es aber abgelehnt. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbruch, aber der Abbruch darf nicht banalisiert werden. Es braucht Unterstützung des Staates, damit sie nicht nötig wird. Mir ist die Familie wichtig. Menschen anderer sexueller Orientierung dürfen nicht diskriminiert werden, das steht ausser Frage. Doch es braucht nicht für jede Gruppe ein eigenes Gesetz.

Die Linke will eine Gesellschaft ohne Unterschiede, ohne wirkliche Freiheit, ohne Glauben, ohne Geschichte. Heute zeigt sich das mit Black Lives Matter, mit der «politisch korrekten» Sprache, der Cancel culture, dem Entfernen von Statuen und Strassennamen. Wir, die Rechte, sind unserer Geschichte verbunden, mit allem, was wir lieben, und wollen es vor Missbrauch und Dekadenz bewahren.

Ich bitte euch jetzt, mir die drei Fragen zu stellen.»

  • Viktor Orban beginnt: «Giorgia, man sagt dir nach, du seist faschistisch und rassistisch. Mir wird ja Ähnliches vorgeworfen. Wie nimmst du Stellung dazu?»

Meloni: «Ich habe immer wieder öffentlich gesagt, dass ich und auch meine Partei ‘Fratelli d’Italia’ uns klar von jeder Form von Faschismus und Rassismus distanzieren. Mit fünfzehn war ich Aktivistin in der Fronte della Giuventù, der Jugendabteilung des Movimente Sociale d’Italia, die ursprünglich einmal dem Faschismus nahestand. Das nutzt man nun mein Leben lang, um mich anzuschwärzen.»

  • Yahya Sinwar meldet sich als zweiter: «Du vertrittst eine harte Asylpolitik. So befürwortest du zum Beispiel eine Seeblockade. Und offenbar richtet sich das vor allem gegen Länder des Islam.»

Meloni: «Ich finde es grausam, den Flüchtenden die mörderische Reise über das Meer zuzumuten und dann fast alle wieder zurückzuschicken. Sie müssen an der Reise gehindert werden und in Nordafrika Asylanträge stellen können. Daher die Seeblockade. Und weil wir alle wissen, dass wir nicht alle aufnehmen können, brauchen wir Kriterien, wen wir aufnehmen und wen nicht. Mein Vorschlag: Nicht aufgenommen werden jene, die illegal einwandern. Ein verantwortungsvoller Staat darf nicht das Signal senden, das man seine Gesetze übertreten kann. Bevorzugt werden die Schwachen, d.h. Frauen mit Kindern. Zurzeit wandern aber in Italien zu 90% junge Männer ein. Und: Wir bevorzugen Menschen aus jenen Ländern, die sich leicht assimilieren lassen, wie z.B. die Ukrainerinnen oder verfolgte Christen. Der Islam ist mit dem Christentum Italiens schwer vereinbar.»

  • Wladimir Putin stellt seine Frage mit ernstem Blick: «Du stehst der EU kritisch gegenüber, und ich spürte bisher immer Wohlwollen von dir. Nun aber unterstützest du die Ukraine. Kannst du mir erklären, wo du wirklich stehst».

Meloni: «Russland gehört zum europäischen Wertesystem, es verteidigt die christliche Identität und kämpft mit uns gegen den islamischen Fundamentalismus. Bessere Beziehungen mit euch wären mir wertvoll, doch seit eurer Invasion im Februar 2022 müssen wir der Ukraine helfen, dem Angriff zu widerstehen.»

Viktor Orban   

«Danke, Giorgia, für deine klaren Aussagen», übernimmt Recef Erdogan. «Viktor, willst du weitermachen?»

Viktor Orban: «Gerne. Ich bin Ministerpräsident von Ungarn. Meine Aufgabe ist es, mich für Ungarn einzusetzen. Im Fussball lernte ich, nicht aufzugeben. Ohne diese Stärke wäre es mir nicht möglich, meine Aufgabe zu erfüllen.

Ungarn hat eine eigene Geschichte, eine eigene Kultur. Wir gehen deshalb einen eigenen Weg. Man wirft mir vor, autokratisch zu sein. Ja, in gewissem Sinn bin ich das. Ungarn braucht in der aktuellen kritischen Situation starke Führung. Die liberale Demokratie ist ineffizient. Deshalb haben wir unsere Verfassung angepasst. Sie wurde mit einer Zweidrittel-Mehrheit angenommen.

Unser ungarisches Modell funktioniert. Ungarn hat keine Unruhen auf der Strasse, kein Migrationsproblem, keine Genderstreitigkeiten. Trotz Pandemie und Krieg erwirkten wir einen Rekord an Wirtschaftsleistung, und das trotz der Milliarden, die von der Europäischen Union zurückgehalten werden.

Wir sind nicht gegen die Europäische Union. Der Grossteil der Ungarn befürwortet eine Mitgliedschaft. Doch heute gibt es in Europa eine liberale Vorherrschaft, in der man konservative Werte nicht äussern kann, ohne abgestempelt zu werden. Wir wehren uns gegen eine EU, die uns mit bürokratischen Regeln hindern will, einen Weg im Sinn unserer traditionellen Werte zu gehen.

Nicht nur Ungarn, auch Europa hat eine eigene Geschichte und eine eigene Kultur, denen es treu bleiben sollte. Nach dem zweiten Weltkrieg fand Europa diesen eigenen Weg: die christliche Demokratie. Sie unterschied sich von den angelsächsischen Werten durch ihre soziale Ausrichtung. Inzwischen hat Europa seine Selbständigkeit verloren. Es hat sich an die USA angekettet. Die USA verlieren aber an Bedeutung. China und die übrigen Brics-Staaten werden ihnen den Vorrang streitig machen. Und zudem werden die USA ihr Engagement wohl bald einmal von uns abziehen. Europa muss seinen eigenen Weg gehen. Seine Führung muss effektiver werden. Und Europa muss wieder die Kontrolle über die eigenen Grenzen finden. Persönlich wünsche ich mir ein christliches Europa, denn auf dieser Basis ist ethische Politik möglich.»

  • «Danke, Viktor», sagt Recef Erdogan. «Da kämen wir zu den Fragen. Ich möchte gleich selber die erste Frage an dich stellen. Kurz nachdem Ungarn die Präsidentschaft der EU übernahm, begabst du dich auf eine Friedensreise in die Ukraine, nach Russland, China und die USA. Dafür wirst du heftig kritisiert. Was war deine Absicht bei dieser Reise?»

Viktor Orban: «Der Ukrainekrieg betrifft uns Ungarn. 100’000 Ungarn leben in der Ukraine, werden eingezogen, sterben. Wir können nicht zuschauen, wie die EU sich den Kriegsplänen der USA verschreibt und jede Bemühung um Friedensgespräche versäumt. Es ist offensichtlich: Russland kann von der Ukraine nicht besiegt werden, auch nicht mit Waffen der NATO. Irgendwann müssen Friedensgespräche geführt werden. Und es ist irrational, damit zuzuwarten, bis weitere 100’000 Menschen dabei umgekommen sind. In diesem Sinn tu ich, was ich tun kann, um den Frieden zu beschleunigen.»

  • Von der Leyen meldet sich als zweite: «Du bist ein Hardliner in Migrationsfragen, weigerst dich, Asylsuchende aufzunehmen. Das kreiden wir dir als Mangel an Solidarität an. Siehst du nicht, dass die südlichen Staaten überflutet werden von Flüchtenden?»

Viktor Orban: «Wir sind bereit, uns mit anderen Völkern zu vermischen, und wir tun das auch in unserer Nachbarschaft. Aber wir wollen uns nicht mit Menschen islamischer Kultur mischen. Europa ist stark geworden in seiner christlichen Kultur. Es darf die christlichen Werte nicht aufgeben. Christentum und Islam sind nicht vereinbar, beide Kulturen haben ganz verschiedene Grundlagen. Wir schlagen vor, jedes Land soll es so machen, wie es will, auch Italien, auch Griechenland, auch Spanien. Wir lassen uns die Migration nicht aufdrängen. Wir werden bei unserer Position bleiben.»

  • Giorgia Meloni stellt die dritte Frage: «In deiner Justizreform hast du die Kompetenz der Gerichte eingeschränkt. Wie du weisst, macht mir die Justiz auch Probleme. Wie siehst du das? Ist das Verrat an den Errungenschaften der Demokratie, wie sie sagen?»

Viktor Orban: «Alles was wir in der Justiz geändert haben, ist in unserer Verfassung abgestützt, und diese wurde mit Zweidrittels-Mehrheit bestätigt. Wir stimmen nicht in allem mit den Vorstellungen der EU überein. Leider will die EU ihre Form der Demokratie aller Welt vorschreiben. Doch die EU soll sich nicht in nationale Angelegenheiten einmischen, sie soll sich ihren Aufgaben widmen: Welthandel, Aussenpolitik, Grenzschutz, Verteidigung.»

Ursula von der Leyen

Recef Erdogan dankt Giorgia Meloni herzlich. Dann sagt er: «Nun ist die Runde an dir, Ursula. Als Präsidentin der Europäischen Union hast du ja mit den Themen von Giorgia und Viktor zu tun.»

Ursula von der Leyen: Danke, Recef. Ja, ich kann davon ein Liedchen singen. Aber wie schon Yahya sagte, wollen wir nicht argumentieren, sondern uns selber und unsere Grundeinstellung mitteilen.

Ich bin Mutter von sieben Kindern. Ihre Zukunft liegt mir sehr am Herzen. Vorwiegend deshalb bin ich in die Politik eingestiegen. Ich will etwas für sie tun.

Im Zentrum meiner Arbeit steht die Zukunft Europas. Europa steht an einem Scheideweg, der die nächsten 50 Jahre bestimmen wird. Wir sind bedroht von Spaltungen und Konflikten. Viele zweifeln an der Zukunft. Doch wir sind ein starkes Europa.

Die EU ist ein grosses Friedenswerk. Die Welt schaut auf die EU, man hat Erwartungen an uns. Das fordert uns, wir müssen uns einbringen. Die EU sollte weiter Länder im Osten integrieren und so an Bedeutung wachsen. Ich werde nicht zulassen, dass sie gespalten und so in ihrer Bedeutung vermindert wird. Wir müssen Massnahmen ergreifen gegen Staaten, die sich nicht an unsere Regeln halten.

Hohe Priorität haben in meiner Politik Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. China ist dabei eine grosse Herausforderung. Wir werden unsern Handel diversifizieren, um nicht zu abhängig zu werden, aber auch eigene Technologie entwickeln. Auch im Bereich KI wollen wir führend sein.

Ein weiteres grosses Anliegen ist mir der Klimawandel. Wir haben uns auf den Green Deal verpflichtet. Wir werden bis 2045 bereits 90% des CO2-Ausstosses abbauen. Mit unseren erneuerbaren Energien sind wir führend in der Welt. Daneben erhoffen wir viel von der Verwertung von Wasserstoff. Atomkraftwerke werden weiter nötig sein, um unsere Unabhängigkeit zu wahren.

Wir müssen unsere Grenzen schützen. Die Küstenwache soll verdreifacht werden. Im Asylpakt haben wir uns auf Grundsätze geeinigt, nun geht es an die Umsetzung. Migration braucht Stärke, aber auch Humanität. Der Schutz der Grenzen muss vereinbar sein mit den Menschenrechten. Alle Länder müssen sich bei der Aufnahme von Asylsuchenden solidarisch zeigen.»

  • Donald Trump fragt als erster: «Ursula, soviel ich weiss, nimmst du mit grosser Entschiedenheit Stellung für die Waffenlieferungen in die Ukraine. Es sieht aber nicht gut aus für die ukrainische Armee. Die russischen Truppen rücken vor, die Bereitschaft, Geld und Waffen zu liefern, lässt bei uns nach. Glaubst du noch an einen Sieg der ukrainischen Armee?»

Von der Leyen: «Wir dürfen die Ukraine nicht sich selber überlassen. Wir müssen alles tun, um die russischen Truppen zurückzuschlagen. Sonst ist nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa in Gefahr. Unsere Waffen sind sehr effizient. Auch die Sanktionen treffen Russland sehr hart. Wir unterstützen die Ukraine mit Geld. Wir hoffen, dass du, Donald, uns dabei nicht im Stich lässt. Unsere Massnahmen müssen Wladimir zeigen, dass wir es ernst meinen, um ihn zurück an den Verhandlungstisch zu bringen.»

  • Yahya Sinwar schliesst an: «Du erwähntest die Sanktionen. An deren Wirksamkeit werden Zweifel geäussert. Der russischen Wirtschaft geht es besser als erwartet, während Europa wegen dem Ausfallen des russischen Gases an grosser Teuerung leidet. Zudem fördern die Sanktionen offenbar eine verstärkte Anbindung Russlands an China und andere ostasiatische Staaten.»

Von der Leyen: «Wir wollen energiemässig von Russland unabhängig sein, denn es hat gedroht, die Ausfuhr zu stoppen. Wir diversifizieren unsere Lieferanten und wir fördern die erneuerbaren Energien. Dieses Jahr werden wir mehr Energie schöpfen aus Wind und Sonne, als wir von Russland bezogen haben. Ja, die Energiepreise sind stark gestiegen, aber wir werden 140 Milliarden investieren, um den Schlag abzufedern. Dass die Sanktionen Russland nicht massiv Schaden zufügen, ist eine unbegründete Behauptung.»

  • Xi Jinping übernimmt: «Gerade in Bezug auf diesen Krieg sind die Länder der EU gespalten. Viktor will Friedensgespräche sofort. Er selber unternahm, wie wir gehört haben, seine Friedensreise. Zudem wollen mehrere Länder wie Ungarn, Italien, Polen, Österreich mehr Eigenständigkeit der einzelnen Länder. Gibt es Verfallserscheinungen in der EU?»

Von der Leyen: «Viktor ist mit seinem eigenständigen Vorgehen eine echte Bedrohung für die Einheit der EU. Er setzt sich deutlich ab von den demokratischen und ethischen Regeln, die in der EU gelten. Und diese sogenannte «Friedensmission» war nichts anderes als eine Beschwichtigungsmission, die unsere klare und eindeutige Ablehnung des russischen Angriffskriegs unterläuft. Die Tendenz einiger Staaten, mehr Unabhängigkeit von der EU-Zentrale zu bekommen, läuft unseren Bestrebungen nach Geschlossenheit zuwider. Sie schwächt unsere Stellung in der Welt.»

Muntere Gespräche

Recef Erdogan schlägt eine zweite Pause vor, wiederum eine halbe Stunde. Viele zeigen Ermüdungserscheinungen, strecken sich, bleiben einen Moment ratlos sitzen oder stehen. Nur allmählich setzen sich die Gestalten in Bewegung, die meisten in Richtung Buffet. Einige sind offenbar noch in Gedanken beim einem oder andern Beitrag. Vielleicht hat er sie an ihre eigene Situation daheim erinnert. Yahya Sinwar steht abseits, ist offensichtlich in Gedanken versunken. «Ja, so wie hier kann man auch miteinander umgehen», scheint er zu denken.

Xi Jinping geht mit ruhigen Schritten zum Buffet, nimmt sich ein Bier.

«Ich liebe Bier», sagt er zu den Umstehenden. «Vielleicht sieht das seltsam aus für einen Chinesen. Tee trinke ich nur, wenn es sich aufdrängt.».

«Das weiss ich», sagt Giorgia Meloni. «Ich war doch bei dir zu Besuch, und wir haben über unsere Lieblingsgetränke gesprochen.»

«Stimmt, damals in unserem traditionellen Garten», antwortet Xi.

«Ihr habt offensichtlich Probleme in eurer EU», fährt Xi Jinping weiter. «Rechtsextrem, linksextrem, und die Mitte wackelt auch. Seht ihr da einen Ausgang?»

Giorgia Meloni geht gerne darauf ein: «Du hast recht, Jinping. Und wer in der EU rechts steht, gilt im Europarat gleich als rechtsextrem. Uns Italienern jedenfalls geht es so».

Mehrere sind inzwischen hinzugetreten und hören mit. Xi Jinping sagt mit väterlicher Stimme: «Rechts und Links sind künstliche Konstrukte. Sie widersprechen sich nicht. Wir Chinesen sind ein sozialistisches Land, haben aber den Kapitalismus integriert.»

«Das ändert nichts daran, dass der aktuelle Rechtsrutsch eine bedeutende Gefahr ist», mischt sich Ursula von der Leyen ein. Sie hatte sich gerade ein paar Snacks ausgewählt und das Gespräch teilweise mitgehört.

«Nur wenn man rechts mit rechtsextrem verwechselt, meint Giorgia Meloni.

Hinten in der Ecke, gemütlich auf der Polstergruppe ausgestreckt, diskutiert eine andere Gruppe. Donald Trump dominiert das Gespräch. Es geht um seinen Slogan ‘America first’. «Dieser Slogan drückt doch nichts aus als eine Selbstverständlichkeit», meint er. «Auch ihr solltet ‘first’ vor den Namen eures Landes setzen. Das ist doch Voraussetzung, dass man einen Deal miteinander machen kann.»

Die Speisen munden. Die Stimmung hebt sich, es wird lauter. Die Nachdenklichkeit hat offenbar in Heiterkeit umgeschlagen, wie es oft bei Bestattungen geschieht. Yahya Sinwar scheint richtig in guter Laune zu sein: «Eigentlich gehören hier ja fast alle ins Gefängnis. Donald entging ihm nur dadurch, dass er Präsident wurde. Benjamin droht eine Anklage des internationalen Gerichtshofs. Du, Wladimir, bist schon international ausgeschrieben».

Recef Erdogan, der sich inzwischen auch am Buffet gütlich getan hat, spasst weiter: «Du, lieber Yahya, du warst für 40’000 Dollar Kopfgeld ausgeschrieben und bist inzwischen tot.»

«Ja», antwortet Yahya Sinwar, «dank Benjamin. Gott verzeihe ihm.»

«Auch du, Ursula, hast eine Anklage am Hals», sagt Giorgia Meloni mit listigem Lächeln. «Aber weisst du, mir geht es auch nicht besser. Ich bin wegen Faschismus und Rechtsextremismus Opfer eines breiten Rufmords. Und die Gerichte, die pfuschen mir ziemlich in meine Asylpolitik».

«Ich habe da unsere Verfassung etwas abändern lassen», fügt Viktor Orban bei. «Die Richter sollen richten und nicht Politik machen.»

»Bravo», ruft Giorgia Meloni, «das merke ich mir».

Inzwischen sind sich Donald Trump und Wladimir Putin im Hintergrund begegnet. «Wenn wir da in dieser Gruppe einander freundlich zuhören», sagt Wladimir Putin, «kommt mir schon vor, wir Menschen seien noch in primitiven Zeiten zurückgeblieben. Statt miteinander die Weltprobleme zu lösen, stecken wir unsere Leute in Uniform, geben ihnen Prügel in die Hand und schicken sie aufeinander los.» «Ja, wie eine primitive Horde», ergänzt Trump.

Die beiden stossen zur Gruppe. «Oh, ihr habt es lustig», sagt Wladimir Putin. «Da hattet ihr wohl ein anderes Thema als wir».

«Oh ja, Wladimir», sagt Recef Erdogan. «Ihr habt sicher über ein ernstes Thema gesprochen. Doch manchmal überlistet man die Realität besser mit Humor als mit Krieg.

Nun ist es aber Zeit, zu unserem Dialog zurückzukehren. Schnappt euch alle noch etwas vom Buffet, dann geht es weiter.»

Recef Erdogan

«Ihr seid wohl alle längst gespannt auf die beiden mächtigen und kriegführenden Staaten, USA und die russische Föderation», begann Recef Erdogan. «Doch vorerst müsst ihr euch noch mit meiner Wenigkeit begnügen. Anschliessend können wir dann das Ganze mit Wladimir und Donald krönend abschliessen. Einverstanden?» Allgemeines Nicken.

Recef Erdogan beginnt: «Ich bin Muslim. Das verpflichtet mich auf eine soziale Politik. Wir beherbergen fünf Millionen Flüchtlinge. Wir setzen uns ein für mehr Gerechtigkeit in der Welt. Gerechtigkeit ist ein hoher Wert des Islam und damit unserer Politik. Es verpflichtet mich aber auch, für die Rechte der muslimischen Bevölkerung und ihrer Traditionen einzustehen. Dabei vertrete ich aber vollständige Religionsfreiheit.

Atatürk hat die Türkei damals zu einem säkularen Staat umgewandelt, nach dem Vorbild westlicher Staaten. Er tat viel Gutes, z.B. schaffte er die Monarchie ab und stärkte die Rechte der Frauen. Doch bei der Laisierung gingen viele Rechte der muslimischen Bevölkerung verloren, z.B. das Recht öffentlicher Personen, ein Kopftuch zu tragen. Die Türkei ist ein muslimisches Land, und unsere Partei will dieser Tatsache Rechnung tragen.

Die Türkei liegt an einem Angelpunkt zwischen Ost und West. Wir sind zwar in der NATO, werden aber auch den Brics-Staaten beitreten. Wir treiben Handel mit der EU, aber auch mit Russland und China. Wir weigern uns, zur Spaltung zwischen Ost und West beizutragen. Wir suchen mit allen Staaten den Frieden. Wir lassen uns aber nicht übers Ohr hauen. Wer unsere Politik missbraucht oder bekämpft, wird unsere volle Härte spüren. Gülen erlebte das. Ich arbeitete mit ihm in Freundschaft zusammen, bis er einen Putschversuch inszenierte.

Viele werfen mir autoritäres Verhalten vor. Aber es ist offensichtlich: Immer, wenn bei uns eine einzelne Partei regierte, ging es aufwärts, und sobald es Koalitionen brauchte, gab es Probleme. Über solche Dinge entscheidet bei uns das Volk. Unsere neue Verfassung wurde 1982 mit 91% angenommen. Auch die Verfassungsänderung mit der Einführung des Präsidialsystems von 2017 fand eine Mehrheit von 51,4%. Unser Vorgehen ist demokratisch legitimiert. Die EU soll vor der eigenen Türe wischen, statt uns zu kritisieren.

Nun bin ich offen für eure Fragen.»

  • Yahya Sinwar meldet sich: «Die Kurden sind auf mehrere Länder verteilt und wünschen sich einen eigenen Staat. Ihr bekämpft sie hart. Kannst du das Anliegen der Kurden nicht verstehen?»

Erdogan: «Der Konflikt ist alt. 2009, kurz nachdem ich Premierminister wurde, entwickelte ich einen Plan, um den Konflikt zu beenden. Die kurdische Sprache sollte überall wieder benutzt werden können, und türkische Namen, die in Städten und Gemeinden entfernt worden waren, sollten wieder kurdisch lauten. Ich erliess eine Teilamnestie und begann 2013 einen Friedensprozess mit der PKK. Es kam aber zu erneuten Unruhen, zu erneuten Attentaten. Und wie gesagt, wir dulden keinen Terror.»

  • Ursula von der Leyen schliesst mit einer heiklen Frage an: «Du hast äusserst hart auf den Putsch von 2016 reagiert, den du Fethullah Gülen zuschreibst. Du hast Hunderte von Lehrern und andern Beamten entlassen oder eingesperrt. Wie rechtfertigst du ein so hartes Vorgehen?»

Erdogan: «Der Putsch, den Fethullah Gülen anführte, war eine echte Bedrohung für unsern Staat. Alles, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, die demokratische Ordnung, die Verbindung des Islam mit Toleranz andern Religionen gegenüber, der Aufbau internationaler Beziehungen, alles war gefährdet. Die Gülen-Bewegung war sehr verbreitet und durchseuchte alle unsere Strukturen. Wir mussten kurzfristig mit grosser Strenge durchgreifen, damit wir wieder in Frieden und Freiheit leben können.»

  • Giorgia Meloni stellt die letzte Frage: «Du hast die Meinungsfreiheit in deinem Land stark eingeschränkt. Journalisten, Akademiker und politische Gegner, die Kritik an deiner Regierung äussern, werden verfolgt».

Erdogan: «Soweit die Vorwürfe nicht einfach Anschuldigungen einer politischen Kampagne sind, die unsere Regierung destabilisieren soll, sind diese Massnahmen notwendig, um die innere Ordnung im Land herzustellen. Terroristische Bedrohungen und staatsfeindliche Aktivitäten, wie sie von der PKK, dem sogenannten Islamischen Staat und auch Syrien geplant sind, können wir nicht dulden. Das gilt auch für alle, die in ihrem Sinn arbeiten».

Donald Trump

«So», seufzt Recef Erdogan, «und nun schlüpfe ich wieder in die Rolle des Moderators. Wer von euch beiden, Wladimir und Donald, beginnt als erster? Donald? Gut so».

Donald Trump: «Ich bin Geschäftsmann. Im Geschäftswesen war ich erfolgreich und habe viel Erfahrung gesammelt. Das kommt mir in der Politik zugute, denn auch der Staat ist ein Betrieb, der nach den gleichen Gesetzen geführt werden will.

Mein Herz schlägt für Amerika. Es erschüttert mich, wie Amerika in den letzten Jahrzehnten heruntergekommen ist. Die Bürokratie hat die Wirtschaft mit unzähligen Vorschriften gelähmt. Die Staatsschulen haben in den internationalen Rankings Punkte verloren. Das Gesundheitswesen ist verlottert. Die hemmungslose Migration überlastet unser Gesundheitssystem. Und das Schlimmste: Die vielen internationalen Handelsverträge, alle zu Ungunsten der USA, haben unsere Unternehmen mit Produkten aus allen Ländern, vor allem China, überschwemmt.

Mein Motto „Make America Great Again“ ist inzwischen weltweit bekannt. Dazu gehört, dass wir unser Engagement aus aller Welt zurückziehen, nämlich von dort, wo es uns nicht betrifft. Gegen Schurkenstaaten schlagen wir allerdings mit voller Härte zu, wenn sie uns angreifen. Die Europäer sollen vermehrt für sich selber sorgen. Wir werden unsere dort stationierten Soldaten zurückziehen und das eingesparte Geld in unsere marode Infrastruktur investieren.

Für all das setze ich als Präsident der Vereinigten Staaten meine ganze Begabung ein: meine Erfahrung als Geschäftsmann, meine im Geschäftsleben erprobte Fähigkeit, in Konfliktfällen einen Deal abzuschliessen, meine Gewohnheit, mit den gewöhnlichen Leuten in ihrer Sprache zu reden, aber auch im Parlament wortgewandt und effizient aufzutreten.

Die einfachen Leute lieben mich, weil ich ihre Interessen gegen das Establishment vertrete. Ich setze mich für sie ein. In meinem Weltbild müssen nicht alle Menschen gleich sein, aber jedes Kind soll bei der Geburt die Chancen vorfinden, durch Einsatz seiner Kräfte zu Erfolg und Wohlstand zu kommen und sich so seinen American Dream zu erfüllen. Das wärs.

  • «Darf ich?» ruft Yuhya Sinwar geradezu ungeduldig: «Du hast versprochen, mit Wladimir Putin sofort nach deinem Amtsantritt den Frieden in der Ukraine auszuhandeln. Wie willst du da vorgehen? Habt ihr beide inzwischen schon miteinander etwas ausgehandelt?»

Donald Trump: «Ich lasse mich in meinem Vorgehen nicht festlegen. Sobald sich Gelegenheit bietet, mit Wladimir und Selensky einen Deal abzuschliessen, werden wir eine Lösung finden.»

  • Xi Jinping fährt weiter: «Die Auswirkungen des Klimawandelns werden sich auch auf die USA ungünstig auswirken. Die zuständige Wissenschaft ist sich einig, dass jetzt letzte Gelegenheit ist, das Schlimmste zu verhindern.»

Donald Trump: «Alle Klima-Massnahmen, die Amerikas Fortschritt behindern, müssen wir auf später verschieben. Inzwischen arbeiten unsere Fachleute intensiv an Lösungen für effizientere technische Geräte. Übrigens liegen viele Kompetenzen dazu bei den einzelnen Staaten.»

  • Viktor Orban sagt: «Die Brics-Staaten entwickeln sich zunehmend zu einer grossen Konkurrenz den USA, vor allem dem Dollar gegenüber. Sie umfassen bereits 45% der Menschheit, und weitere dreissig Staaten wollen beitreten. Wie siehst du diese Entwicklung?»

Donald Trump: «Die USA sind diesen Staaten wirtschaftlich und militärisch überlegen. Sie haben aber das Recht, untereinander einen Deal abzuschliessen, so wie wir es auch tun. Wirtschaftlich gefährlich ist für uns China, dessen Inporte wir aber durch Zölle beschränken werden.»

Wladimir Putin

Wladimir Putin wartet gar nicht ab, bis er aufgerufen wird, sondern meldet sich gleich selber.

Wladimir Putin: «Dann mach ich noch den Abschluss. Als Kind wollte ich Spion werden. Ich stellte mir vor, so könnte ich als einzelner Mensch so viel ausrichten wie eine ganze Armee. Ich wurde Spion, nämlich Agent des sowjetischen Geheimdiensts KGB. Später wurde Sport für mich wichtig, vor allem Judo. Ich wurde Judo-Bester in Leningrad. Wir stählten dort unsere Kraft und unsern Willen mit äusserst harten Kämpfen.

Ich habe mein Leben wie ein offenes Buch gelebt. Ich bin das, was ich zeige. Ich habe nie irgendwelche Drogen genommen, nie ein Glas Alkohol getrunken. Ich habe nie eine Zigarette geraucht, nie eine Tasse Kaffee getrunken. Meine ehemalige Frau sagte, ich sei von Natur schüchtern. Nun, ich habe dazugelernt. Ich habe immer hart gearbeitet und so fast immer meine Ziele erreicht. Ich tat es übrigens nie für Geld oder Ansehen, ich arbeite immer für die Sache. 

Inzwischen bin ich Präsident der Russischen Föderation geworden. Und ich bin vermutlich das meist angegriffene Staatsoberhaupt der Welt. Aufbauend auf der seit einem Jahrhundert andauernden Russophobie, suchen die Westmächte Russland und mich zu diffamieren.

Ich liebe die Geschichte, und speziell die Geschichte unseres Landes. Nur im Kontext der Geschichte können wir die Konflikte unserer Zeit verstehen und auflösen. 1991 ging die Sowjetunion unter und wir halfen dabei mit. Man machte uns Hoffnung, unter die Völkergemeinschaft aufgenommen zu werden, und wir bewarben uns darum, denn wir fühlen uns als Europäer. Aber man hat uns ausgetrickst. Man versprach uns, dass es keine Osterweiterung der NATO geben werde, es gab sie doch. 2000 wurde ich Präsident und versuchte nochmals, die Türen nach Europa zu öffnen. 2001 sprach ich im deutschen Parlament und bekam Standing Ovation für meine Idee einer eurasischen Kooperation.

Alles änderte sich 2014 durch den Staatsstreich am Maidan. Die russischsprachige Minderheit in der Ukraine wurde unterdrückt und von der Armee bekämpft. Nach acht Jahren Krieg, im Februar 2022, fand dann unser Einmarsch statt. Man hat uns darauf mit Sanktionen eingedeckt und die Ukraine schwer bewaffnet. Wir wissen uns zu wehren. Wir wenden nun unsere Aufmerksamkeit dem weiteren Weltgeschehen zu. Unter den Brics-Staaten wird eine konstruktive und nicht ausbeuterische Zusammenarbeit aufgebaut, mit einer unabhängigen, auf Frieden und Gerechtigkeit ausgerichteten Finanzordnung.

Ich bin bereit für eure drei Fragen.»

  • Ursula von der Leyen: «Du hast 2014 die Krim annektiert. Auch wenn die Soldaten ohne Achselklappen und ohne Waffen einmarschiert sind: Die Welt ist sich einig, dass dies gegen das Völkerrecht verstiess. Wie rechtfertigst du dich?»

Wladimir Putin: «Es war nötig, in die Krim einzumarschieren, um zu verhindern, dass die ukrainische Armee auch dort die russischsprachige Bevölkerung unterdrückte. Übrigens haben sich die Menschen auf der Halbinsel aus freien Stücken für die Zugehörigkeit zu Russland entschieden.»

  • Xi Jinping: «Was waren die Gründe, die letzten Endes zum Einmarsch Russlands in die Ukraine führten? Gab es nicht andere Möglichkeiten, den Konflikt zu lösen?»

Wladimir Putin: «Vieles hatte sich akkumuliert. Die Osterweiterung der NATO, entgegen aller Abmachungen; die Absicht, die Ukraine in die NATO aufzunehmen; der Aufbau von starken Waffensystemen nahe an unserer Grenze; die Weigerung, das Minsker Abkommen umzusetzen, das den russischsprachigen Gebieten der Ukraine eine relative Autonomie und Schutz vor den Übergriffen der ukrainischen Armee geboten hätte. Und dazu die konstante Verweigerung unserer Friedensangebote. Wir fühlten uns bedroht und mussten reagieren. Gerne hätten wir miteinander eine Lösung gefunden, aber man ging nicht auf uns ein. Wir sind nicht interessiert an einem Angriff auf ein anderes Volk. Wir tun es nur, wenn wir bedroht oder angegriffen werden. Dass ich weiter in Europa einfallen möchte, ist Unsinn. Niemand will einen globalen Krieg, in dem alle nur verlieren.»

  • Viktor Orban: «Man wirft dir vor, du führst Russland diktatorisch und unterdrückst die Opposition. Was sagst du zu diesem Vorwurf?»

Wladimir Putin: «Es stimmt, ich führe Russland mit starker Hand. Damit habe ich ja in der Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion wieder Ruhe und Kraft in unser Land gebracht. Dafür schätzen mich die Menschen in Russland. Mit der unterdrückten Minderheit meinst du vermutlich die Affaire um Navalny. Er war nicht nur ein Oppositioneller, sondern auch ein von Gerichten verurteilter Verbrecher. Dass wir ihn vergiftet haben, ist eine bösartige Verleumdung des amerikanischen Geheimdienstes.»

Damit war die Reihe abgeschlossen. Alle neun, die gekommen waren, hatten gesprochen und auf die ihnen gestellten Fragen geantwortet. Alle waren beeindruckt, aber auch müde. Viktor Orban holte zur Abschlussrede aus.

«Liebe Kolleginnen und Kollegen. Ich danke euch alle ganz herzlich für eure Offenheit und eure Geduld. Wir haben keine Diskussionen geführt, wir haben keine Beschlüsse gefasst, wir haben einander einfach zugehört, unvoreingenommen und offen. Und wir haben uns dabei neu entdecken können, jenseits der feindseligen Darstellungen, wie wir sie oft in den Medien finden. Tragen wir diesen Eindruck nach Hause mit, lassen wir ihn im Sinn eines kommenden Friedens weiterwirken. Ich wünsche euch allen gute Heimreise. Die Offiziere, die euch zum Flughafen begleiten werden, sind in wenigen Minuten hier.»

Und wie ging es weiter?

Liebe Leserinnen und Leser. Ich bin in einer grossen Verlegenheit:  Ich habe keinen Schluss für meine Geschichte. Natürlich habe ich Ideen, aber die scheinen mir alle nicht befriedigend.

Ein romantischer Schluss, mit Happy End? Vielleicht etwa so: «Alle Machthaber sind nach den vielen Gesprächen ein Herz und eine Seele. Sie umarmen sich zum Abschied, versprechen, einander bald einmal zu besuchen. In der Mappe tragen sie eine Schlusserklärung, mit der gemeinsamen Absicht, die Welt zu ändern. In der Folge werden Staatsoberhäupter, die nicht teilnehmen konnten, angeschrieben, zu freundschaftlichen Treffen eingeladen. Kriege hören auf, Feindbilder werden abgebaut, Freundschaften werden gepflegt, Konferenzen zur Durchführung wichtiger Entscheidungen geplant. Die Völker vernehmen es, jubeln um die Wette, die Glocken erklingen in der ganzen Welt …»

Das wäre schön, zu schön. Das würde schlecht aufgenommen. Kitschig, blauäugig, utopisch, würde es heissen. Mein Ruf als vertrauenswürdiger Schriftsteller wäre ruiniert. Tut mir leid, liebe Freunde und Freundinnen des Happy End, in der Politik geht so etwas nicht.

Ein tragischer Schluss? Etwas für die Freunde des Krimis? So vielleicht: «Alle sind ein Herz und Seele, sie umarmen sich zum Abschied, versprechen, einander bald einmal zu besuchen. In der Mappe tragen sie eine Schlusserklärung … Da rumpelt es im Nachbarraum, Waffen klirren, Kommandos erschallen. Die Türe bricht auf, eine feindliche Truppe von Fanatikern bricht herein, beginnt, wild herumzuschiessen. Einer um den anderen unserer Freunde sackt zusammen. Einige versuchen, sich hinter Stühlen und Tischen zu verbarrikadieren, andere halten die Hände hoch. Unbarmherzig werden sie niedergeschossen. Dann zieht die wilde Horde wieder ab. Totenstille herrscht. Der grosse Friede ist verloren. Nahe wäre er gewesen, so viele Menschen hätte er beglückt. Schade, ganz schade. Die Welt tickt weiter, wie sie immer tickte, ungerecht, feindselig, mörderisch. Eine einmalige Gelegenheit ist dahin.»

Nicht schlecht. Könnte dem Erfolg vielleicht reisssenden Absatz bringen. Aber uns ist natürlich klar: Das passt nun endgültig nicht zu unserer Geschichte, die ja Gewalt durch gegenseitiges Verständnis ersetzen wollte. Nein, unmöglich.

Oder ein bürokratischer Schluss? «Alle sind ein Herz und eine Seele, sie umarmen sich zum Abschied, versprechen, einander bald einmal zu besuchen. In der Mappe tragen sie eine Schlusserklärung… Im Schutz von Offizieren werden sie alle zum Flugzeug geleitet. Daheim sitzen sie mit ihren Ministern zusammen, berichten vom Treffen und beginnen zu planen. Konferenzen, Ansprachen, Interviews, gegenseitige Besuche werden in Aussicht genommen. Aufgaben werden an die verschiedenen Ministerien verteilt. Die Bürokratie läuft an, um den grossen Frieden zu organisieren. Doch ach, wie schon oft in der Geschichte der Menschheit, versandet das Ganze in den unzähligen Büros und Konferenzräumen».

Nein, auch nicht. Das wäre zynisch. Das würde die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit noch steigern. Ich weiss wirklich nicht, was ich schreiben soll.

Klar, eine weitere Idee hätte ich auch noch. Nämlich so, dass die Menschen in den verschiedenen Ländern sich nach der Rückkehr ihres Staatsoberhauptes sagen: «Wir warten gar nicht ab, was ihr da oben beschliesst und inszeniert, wir beginnen einfach selber. Wir tun das, was die ganze Geschichte sagen will, ohne uns um die Grossen zu kümmern. Wir wissen jetzt, worum es geht: Vorurteile abbauen, einander zuhören, unvoreingenommen, zugewendet, offen sein statt schimpfen und so weiter».

Geht natürlich gar nicht, das sieht jede und jeder ein. Wofür hätten wir denn die Staatsoberhäupter gewählt? Warum bezahlen wir sie in ihren Palästen? Zudem ist das doch allzu moralisch: wir sollen, wir müssen … Da bekäme ich böse Zuschriften in Menge, vielleicht einen Shitstorm von Mails, von Telefonanrufen.

Nein, ich überlasse das Ganze Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Vielleicht greift jemand von euch den Faden auf, schreibt einen passenden Schluss zu meiner Geschichte. Schicken Sie ihn mir zu: wkaiser@bluewin.ch. Wer weiss, vielleicht kann ich es in einer späteren Auflage verwerten.

10 Responses

  1. Geschichten schreiben war nie meine Stärke, jedoch Ideen zu entwickeln schon, hier kommt sie, kurz und knackig:
    Es wurde ein weiteres Treffen vereinbart. Diesmal sollten die Ursachen, die den offensichtlichen Differenzen und Problemen zu Grunde liegen erörtert werden. Es wurde schnell klar, dass Gier, streben nach Macht, Ängste und Misstrauen und letztendlich das alles durchfliessende Zinsgeldsystem (Fiatgeld) das Problem sind.
    Es wurde entschieden, dass die Schweiz, von vielen als Musterschülerin angesehen, zu einem Versuchslabor für ein neues Geldsystem werden solle. Welches es sein soll, wollten sie der Demokratie, also dem CH-Volk überlassen. Bedingung war jedoch, dass es keine Geldschöpfung aus dem Nichts und keine Zinsen mehr geben dürfe.

    ODER
    Weil sie alle nicht weiterwussten, entschieden sie sich eine Auswahl an Vertretern von Urvölkern, Menschrechtsaktivistinnen, Zukunfts- und Friedensforscherinnen, Matriarchatsforscher, Vertreterinnen der IP, der sozialen Dreigliederung, des Buenvivir, Ecovillagebeweung uvw. einzuladen und ihnen genauso zuzuhören. 🙂

    Danke und alles Gute

    1. Danke, liebe:r smirt
      Die Idee, gerade die Schweiz, dieses Wunderland an Finanzkapitalismus, als Musterland für neue Wege zu wählen, imponiert mir. Den Bock zum Gärtner machen, sagt man dem doch. Also, ich warte auf eine Möglichkeit, an deinem Projekt mitzuwirken.

  2. Die Geschichte könnte so enden, dass die TN merken, dass ihre je eigenen Ziele und Überzeugungen das Verfolgen gemeinsamer Ziele sehr schwierig machen, bzw. dass es keine gemeinsamen Ziele wie einen gerechten Frieden, ein lebenswertes Leben für alle Menschen, ein gemeinsames Handeln in Bezug auf die Klimakrise usw. gibt, die handlungsleitend sein sollen. Sie einigen sich auf ein weiteres geheimes Treffen, an dem es mit der gleichen, mediativ erweiterten, Methode darum gehen soll, klarer zu sehen, ob bzw. welche gemeinsamen Ziele denkbar wären. Die Zusammensetzung der TN soll fürs nächste Treffen nicht verändert werden, um dem noch sehr kleinen und gefährdeten Pflänzchen Verstehen (Vertrauen kann das noch nicht genannt werden) Sorge zu tragen.

  3. ?interessante Denkweise. Wie Sie halte ich es für wichtig, sich umfassend zu informieren und nicht nur eine Perspektive zu hören.
    Die Frage ist jedoch, ob ich die von den Staatschefs vorgetragenen Argumentationen tolerieren und akzeptieren soll. Ist es nicht auch eine gefährliche Einstellung? Gebe ich so nicht mein Einverständnis so zu handeln, und leben wir nicht ein Dogma in der Ansicht es muss immer zuerst zerstört werden bevor gutes entstehen kann?
    Die Argumentationen die sie vermeintlich für das Volk ist ja auch ihre eigene Meinung und schlussendlich geht es doch nur um Macht und Gier

    1. Liebe Priska
      Du hast natürlich recht: verstehen ist nicht das Gleiche wie eine Meinung vertreten. Ich habe versucht, es im Kommentar «verstehen und urteilen», der auch auf dieser Webseite angeklickt werden kann, aufzuzeigen. Aber klar: Ich darf und soll vielleicht sogar eine Tat ablehnen, verurteilen, wenn sie den eigenen Werten widerspricht. Nur: je besser ich verstehe, umso klüger wird auch mein Urteil.

  4. Vielen Dank für diese tolle Geschichte –
    Ein Buch von Hans.A. Wüthrich: Manifest der intellektuellen Bescheidenheit – Problemlösung neu denken, geht für mich in die ähnliche Richtung.

  5. Lieber Werner, danke für Deine Erzählung – es hat sich jedenfalls gelohnt, sie durchzulesen – und dabei zuzuhören.
    Ich freue mich schon auf die Fortsetzung in Peking – wenn auch vielleicht noch nicht zu einer «Diskussion»: Ich sehe den nächsten Schritt eher in einer Präsentation der Gründe, die zum aktuellen Zustand der politischen Welt geführt haben – durchaus wieder aus den hier präsenten Perspektiven analysiert und präsentiert, als Basis zu entsprechenden Utopien für die Zukunft.

    1. Ja, lieber Pierrot, da bin ich sehr einverstanden. So fusst z.B. der Ukrainekrieg auf vielem Ungutem, das vor dem Februar 2022 passiert ist. Das rechtfertigt den Krieg nicht, macht aber manches verständlich.

  6. Lieber Werner, welch schöne Idee und welch kreativer Versuch, alle Seiten mal unkommentiert sprechen zu lassen und anzuhören. Als nächsten Schritt könnte es wohl um das Suchen des gemeinsamen Nenners gehen. In der Wissenschaftssendung «Heisse Konflikte» vom Sommer 2024 kommen Friedens-Wissenschaftler zu Wort, die eindrückliche Erfahrungen, Gelingendes und Grenzen von Friedenssuche erzählen. https://www.srf.ch/audio/srf-wissen/heisse-konflikte?id=7c8701dc-6e35-4fe4-9397-1e03d9801327#autoplay
    Darin geht es zuerst um die Suche nach gemeinsamen Interessen. Die hatten wir ja schonmal z.B. mit dem Klimaabkommen von Paris. Nämlich das Interesse, zukünftigen Generationen auch Leben zu ermöglichen. Dazu die Einsicht, dass Frieden meistens von unten entsteht, in kleinen konkreten Schritten eben, wie es die IP zu leben versucht.

  7. Vielen Dank lieber Werner
    möge die Utopie von Heute, die Realität von morgen sein ….

    Umgang mit Wahrheit und eine Kommunikationskultur – die utopische Gipfeltreffen plötzlich möglich machen könnte

    Ich komme gerade von der Trauerfeier zum Abschied von Jakob, einem lieben Freund, mit dem ich in meiner aktiven Zeit bei der Integralen Politik Schweiz, unterwegs war. Er hatte die Gabe, mit seiner Wahrheit verbunden zu sein, ohne den «Gwunder» für meine Wahrheit zu verlieren, auch wenn wir unterschiedliche Erfahrungen und Meinungen hatten. Eindrücklich erlebte ich mit ihm, dass während der C-Krise unsere unterschiedliche Wahrnehmung unsere Freundschaft zwar forderte, aber nicht beendete. Tragend war dabei, dass wir beide das Interesse aneinander behalten haben, trotz unterschiedlicher Wahrheiten. So konnten wir über unsere individuelle Wahrheit hinaus wachsen und voneinander lernen. Die Freundschaft wurde dadurch tiefer und aufrichtiger.

    Nach der berührenden Trauerfeier trafen sich Freunde der IP bei einem Apéro riche an einem Tisch. Nach der Trauer um unseren gemeinsamen Freund begann vereinzelt eine Debatte zu weltpolitischen Aktualitäten. Einmal mehr erlebte ich die schmerzliche Trennung die passiert, wenn wir einander unsere individuelle Wahrheit kund tun, mit dem Wunsch, dass das Gegenüber sie mit uns teilt. Da dies halt oft nicht der Fall ist, entsteht eine Diskussion darüber – ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen (Diskutanten), wobei jede Seite mit Argumenten versucht, das Gegenüber von der eigenen Wahrheit zu überzeugen. Leider führt diese Kommunikationsform oft zu Streit. Eine andere Form des Gespräches, die es auch gab, kann der Dialog sein – Gespräch zwischen Vertretern verschiedener Gruppen, die sich um gegenseitiges Verständnis bemühen. Hier liegt die Aufmerksamkeit deutlich stärker beim Zuhören als beim Argumentieren.
    Könnte die Fähigkeit, Dialoge zu führen in der politischen Grundausbildung Einzug halten, würde sich die Welt unweigerlich hin zu mehr gegenseitigem Verständnis ändern.

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