Verstehen und Urteilen

Nachträgliche Gedanken zum Beitrag «Staatsoberhäupter unter sich»

Von Werner Kaiser

Verstehen

Jeder Mensch kann verstanden werden, in seiner Grundhaltung, in seinen Motiven, in seinen Zielen. Wenn wir ihn kennen lernen, können wir sehen, wie er die Welt wahrnimmt, wie er seine Wahrnehmungen interpretiert und wie er sie in Ziele umsetzt.

Als Psychotherapeut konnte ich regelmässig erleben, wie ein Mensch ganz anders dasteht, wenn ich ihn vertieft kennengelernt habe. Auch beim Erarbeiten dieser Erzählung erlebte ich, wie Staatsoberhäupter, die bei uns regelmässig abgelehnt und beschimpft werden, sich als Menschen entpuppten, die ein nachvollziehbares Konzept haben und in mir plötzlich Verständnis und Sympathien weckten.

Urteilen

Wenn ich von meiner Arbeit mit den Staatsoberhäuptern berichte, bekomme ich oft heftige Reaktionen. «Putin hat doch einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen, da muss man doch urteilen, das kann man doch nicht einfach so stehen lassen.»

Urteilen ist eine andere Funktion als Verstehen. Ich kann urteilen, ohne zu verstehen, und meist tun wir das so. Empfehlenswert wäre, zuerst zu verstehen. Mein Urteil wäre dann bestimmt kompetenter.

«Aber ich kann doch nicht erst Studien absolvieren, wenn ich Putin beurteilen will! Es genügt doch, auf seine Taten zu schauen!» Ja, ich kann jemand auch nach seinen Taten beurteilen. Dann lehne ich vielleicht ab, was er tut. Doch auch hier würde ich ihm gerne die Chance geben, sich zu erklären. Kein Richter urteilt, ohne den Angeklagten angehört zu haben.

Wenn ich urteile, tu ich es aufgrund meiner Überzeugungen. Bin ich mir klar, woher ich sie habe? Aus meiner Zeitung? Und wer eine andere Zeitung liest, kommt zu einer anderen Überzeugung? Oft verfalle ich dabei meinen Voreingenommenheiten, meinen Vorurteilen, meinen Eigeninteressen.

Empörung

Einige Machthaber, die in meiner Erzählung auftreten, verursachen viel Leid. Sie unterdrücken Völker, zum Teil auch ihr eigenes Volk. Dagegen empören wir uns zu Recht. Wir empfinden Empathie mit dem Leiden der Opfer, und das ist gut. Da ist es nicht leicht, den Tätern unvoreingenommen zuzuhören.

In der Justiz wird jeder Angeklagte angehört, auch wenn er Verbrechen begangen hat. Und die einfache, oft gehörte Aussage «Es lohnt sich nicht, ihn anzuhören, er lügt sowieso» ist mir allzu pauschal. Beim Lesen oder Hören der Reden, Interviews und Schriften schienen mir die meisten Aussagen glaubwürdig. Doch rechtfertigen muss ich sie deswegen nicht. Wenn wir die Ungerechtigkeiten in unserer Welt sehen, ist Empörung durchaus angesagt.

Handeln

Natürlich kann es wichtig werden, zu urteilen. Immer dann, wenn ich handeln muss. Wenn ich an Abstimmungen teilnehme, muss ich mich für Ja oder Nein entscheiden. Wenn ich Gelegenheit habe, ins Geschehen einzugreifen, sollte ich das nicht tun ohne ein verantwortetes Urteil. Je besser ich verstanden habe, umso kompetenter wird mein Urteil und damit mein Handeln sein.

Oft muss ich schnell handeln. Ich habe dann keine Zeit, die Zusammenhänge zu studieren. In unseren Genen ist die Fähigkeit begründet, in Blitzesschnelle zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. In alten Kulturen war das wichtig, es konnte um Leben oder Tod gehen. Diese Fähigkeit erleben wir, wenn wir jemand begegnen und augenblicklich wissen, wer uns sympathisch oder unsympathisch ist. Diese Fähigkeit kann in bedrohlichen Situationen hilfreich sein. Sie ist aber irrtumsanfällig und erweist sich bei längerer Bekanntschaft oft als ungenügend für eine gute Beziehung.

Trennende Gräben

Eine Schwierigkeit in unserer Zeit besteht darin, dass viele sich weitgehend nur noch aus der eigenen «Blase» informieren, die eigenen Medien lesen, die eigenen Freunde anhören, der eigenen Partei folgen. Auf der anderen Seite geschieht dasselbe. Jede Gruppe bestärkt sich in ihren Urteilen und Vorurteilen. Sie entwickeln Argumente und vor allem Emotionen zugunsten ihrer Position. Von da ist der Weg nicht weit, den Andersdenkenden als Gegner zu erleben.

In vielen Bereichen haben sich so Blöcke gebildet, die sich nicht mehr verstehen. Alle fühlen sich sicher in ihrer Wahrheit, weil sie ihrer Gruppe hinter sich spüren. Es entstehen Feindbilder, die oft zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen. Dies kann sich zu einem bedeutenden Problem für das Funktionieren einer Demokratie entwickeln.

Es gibt heute Bestrebungen, Menschen mit gegenteiligen Meinungen zusammenzuführen. Der Verein «Pro Futuris» vermittelte mir die Begegnung mit einem Bankbeamten, der in politischen Dingen radikal anderer Meinung war als ich. Wir lernten uns verstehen, und wir beide erweiterten unsere Sicht. Das war unser kleiner Beitrag zu einer friedlicheren Gesellschaft.

Die Guten und die Bösen

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass fast alle «bösen» Machthaber in Staaten kommunistischer oder islamischer Ausrichtung regieren? Ist das Zufall, oder spielen hier doch Motivationen mit, die uns nicht bewusst sind: Russophobie, Islamophobie?

George W. Bush brachte es auf den Punkt, als er die Völker, die auf der anderen Seite stehen, mit dem Titel «Achse des Bösen» betitelte. «Wir die Guten, sie die Bösen», diese Bewertung ist mehr verbreitet als wir ahnen. Unsere Demokratieform ist gut, autokratisches Regieren ist schlecht. Impfgegner sind die Bösen, Impfbefürworter die Guten. Die Reichen sind böse, wir weniger Reichen die Guten. Natürlich tragen wir es nicht so dick auf, es läuft eher unterschwellig. Wenn dies aber viele tun, kann es gefährlich werden. Regierungen heizen diese Einstellung gelegentlich an, um ihre Völker bereit zum Krieg zu machen. Wie soll es jemals Frieden geben in der Welt, wenn wir eine Mauer von Hass und Unverständnis gegeneinander aufbauen?

Je besser wir uns selber kennen, je mehr wir zu unseren Schwachstellen stehen, umso leichter werden wir dieser Tendenz widerstehen. Je mehr wir bereit sind, die Positionen der eigenen Gruppe, des eigenen Volks kritisch zu hinterfragen, umso gefeiter sind wir gegen solche naiven Bewertungen. Für die Bibelkenner darf ich anmerken, dass Jesus den korrupten Zolleintreiber höher einschätzte als den frommen, selbstbewussten Pharisäer, einfach weil er mit seiner Selbsteinsicht der Wahrheit näherstand.

3 Responses

  1. Lieber Werner
    Besten Dank für Deine sorgfältigen Unterscheidungen – besonders natürlich zwischen «Verstehen» und «Urteilen», denn das scheint uns allen noch nicht wirklich geläufig.
    Es ist ja schliesslich auch kaum möglich, sich einer unverstandenen Sache vorurteilsfrei zu nähern; wir bringen ja unvermeidlich unsere persönlichen und kulturellen Prägungen und Erfahrungen mit uns (was sich schon in so einfachen Bildern wie dass «auf der ganzen Welt die Glocken läuten» könnten zeigt 😉
    Aber wir können es zumindest versuchen – in die Richtung streben – und schliesslich auch den FROSCH fragen …

  2. Lieber Werner
    Was für ein eindrücklicher, tiefgründiger und doch so einfach verständlicher Text! Eine grossartige Leistung! DANKE!
    Dies ist für mich die Grundlage integralen Denkens und Handelns. Nicht nur das Vordergründige wahrnehmen, sondern hinter das Sichtbare schauen, graben – hinhören…
    Ich habe uns deine beiden Texte nach dem Frühstück zum neuen Jahr geschenkt. Dabei wurde ich beim laut Vorlesen zwar heiser (und habe gedacht, es wäre auch schön eine Audio Datei davon zu haben), doch hat es uns beide tief beeindruckt, wie es dir gelungen ist, die verschiedenen Machthaber in ihrer Art sprechen zu lassen, ohne dass ein Urteil deinerseits dabei spürbar geworden wäre! Nur das schon ist eine grandiose Leistung🙏
    Ich bin froh und dankbar, dass es Menschen wie dich auf unserer Welt auch gibt, sie machen mir Mut und ich wünsche mir, dass sie in den Medien mehr hörbar sind!
    Herzlich
    Sonya

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