Ein Beitrag von Barbara Küchler
In diesem Beitrag geht es darum, wie wir in Gruppen oder Meetings konstruktiv mit Machtspielen umgehen können – jenseits von Kampf oder Rückzug. Zentral sind dabei zwei Fähigkeiten: innere emotionale Präsenz und eine klare, nicht-eskalierende Kommunikation. Wer lernt, aus der eigenen Mitte heraus zu handeln, statt reflexhaft zu reagieren, stärkt nicht nur sich selbst, sondern auch die Qualität der Beziehungen im ganzen System.
Der Beitrag orientiert sich am Stufenentwicklungsmodell von Barbara Küchler & Co.
Hier findest du die vorangegangenen Beiträge zu dieser Serie. Im ersten Teil erfährst du Grundlegendes zu den verschiedenen Entwicklungsstufen dieses Modells.
Konflikte Teil 1: Ein integraler Blick auf unser Konfliktverhalten.
Konflikte Teil 2: Konflikte verstehen – Die Rolle von Bindung und Bindungsstilen
Konflikte Teil 3: Machtspiele erkennen und mich davon innerlich distanzieren
Beitrag von Barbara - Konstruktiver Umgang mit Machtspielen
Wie gehst du damit um, wenn jemand deinen Absichten im Weg steht – oder wenn jemand seine eigene Absicht mit Nachdruck durchsetzen will, auch gegen Widerstand?
Stell dir folgende Szene in deinem Erleben mit anderen Menschen vor:
- Du machst einen für dich sehr wichtigen Vorschlag,
- eine Person bringt mehrere Einwände vor und signalisiert damit, dass dein Vorschlag nichts taugt.
- eine andere Person bringt stattdessen ihren eigenen Lieblingsvorschlag ein.
- jemand rollt mit den Augen, während du redest.
- eine andere Person hört dir demonstrativ nicht zu.
- jemand unterbricht dich ständig.
- eine Person reagiert mit einem Vorwurf
- usw.
- Eine andere Person macht einen Vorschlag,
- den sie mit viel Überzeugung oder aggressivem Ton präsentiert.
- den sie mit vielen positiven Argumenten unterfüttert.
- den sie gegen jede Kritik verteidigt.
- den sie mit strafendem Blick absichert.
- den sie mit einer viel zu langen Rede durchzudrücken versucht.
- den sie charmant verteidigt.
- für den sie sich im Vorfeld Unterstützung gesichert hat.
- und bei Gegenrede reagiert sie emotional und vorwurfsvoll
- usw.
All das können Ausgangspunkte für Machtspiele sein. Viele Menschen erleben dann einen inneren Reflex: entweder mitzukämpfen oder sich zurückzuziehen. Doch es gibt einen dritten Weg:
Ein Machtspiel ins Leere laufen lassen – und dann sofort wieder in den kooperativen Modus zurückkehren.
Dazu braucht es zwei Dinge gleichzeitig:
- Einen gelassenen Umgang mit den eigenen Gefühlen, die Machtspiele fast immer auslösen.
- Eine Kommunikationsstrategie, die das Machtspiel unterbricht, ohne die Situation zu eskalieren.
Beides gehört untrennbar zusammen. Viele hoffen, sie könnten ein Machtspiel einfach aussitzen und danach wieder „vernünftig“ weitermachen. Doch meine Erfahrung als Organisationsentwicklerin zeigt: Wer ein Machtspiel gewinnt, geht gestärkt aus dem Meeting. Wer verliert, verliert Energie. Die einen wirken am Ende selbstbewusst und aufgeladen – die anderen leicht erschöpft oder geknickt. Von aussen ist dieser Effekt oft deutlicher sichtbar, als man ihn selbst spürt.
Mein Tipp: Beobachte Machtspiele, wenn du selbst nicht betroffen bist. Die Dynamik ist eindrücklich – und erkenntnisreich.
Was auch nicht funktioniert: ein scheinbar „gelassener“ Konter, wenn innerlich alles kocht. Ich erlebe z. B. die gewaltfreie Kommunikation (GFK) als wirkungslos, wenn jemand emotional stark involviert ist.
Schritt 1: Innere Gelassenheit
Gelassenheit heisst: Ich bin mit meinen Gefühlen präsent.
Präsenz bedeutet, dass ich eine mittlere Position einnehme – weder abgeschnitten von meinen Gefühlen noch mit ihnen identifiziert. Eine kurze Orientierung:
- Abgetrennt / dissoziiert (Beispiele für innere Dialoge):
„Ich bin nicht wütend.“ – „Ich habe das im Griff.“ – „Das ist doch nicht so schlimm.“ – „Er meint es bestimmt nicht so.“ – „Nimm dich nicht so wichtig.“ – „Da stehe ich drüber.“ - Mittlere Position (Präsenz):
Ich beobachte meine Wut (meinen Ärger, meine Frustration …) – offen, neugierig, nichtwertend. Ich bleibe mit dem Gefühl präsent und spüre, wie es sich verändert: Vielleicht entsteht Mitgefühl (für mich oder andere), vielleicht taucht eine Erinnerung aus einer ähnlichen Situation in der Kindheit oder eine Lösungsidee auf, oder …?
Aus dieser Haltung heraus habe ich Zugang zur Intelligenz des Fühlens – zur inneren Weisheit und manchmal zu etwas, das über mich selbst hinausreicht. - Identifikation / Gefühlsversinken:
Ich bin wütend – meine Wut absorbiert mich vollständig. Meine Gedanken kreisen darum, verstärken das Gefühl, und ich fühle mich ausgeliefert. Ich glaube, das Gegenüber müsse sich ändern, damit es mir wieder besser geht.
Die meisten Menschen pendeln zwischen Dissoziation und Identifikation. Die mittlere Position ist, so meine Beobachtung, niemandem in die Wiege gelegt. Sie ist ein zentrales Element auf dem Weg zu einer integralen Persönlichkeit.
Anfangs gelingt Gelassenheit selten in der konkreten Situation. Aber du kannst sie im Nachhinein üben – z. B. nach einem Meeting. Je öfter du dir im Nachgang Raum für deine Gefühle nimmst (siehe dazu auch mein Buch «Weil es so nicht weiter geht»), desto eher wirst du auch in der Situation selbst präsent bleiben können.
Präsenz im Kreis üben
Eine wunderbare Übungsmöglichkeit bietet sich in Gruppen wie der IP: Wir können uns gegenseitig darin unterstützen, in Präsenz zu kommen. Bei anderen fällt es uns oft leichter, präsent zu sein – und über die Begleitung anderer wird es mit der Zeit auch im eigenen Inneren einfacher. Gleichzeitig erleben viele Menschen ihre eigenen Gefühle besser regulierbar, wenn sie von Präsenz im Aussen gehalten werden.
Ich persönlich finde: Das ist eine der wertvollsten Formen von gegenseitiger Unterstützung, die wir uns gegenseitig schenken können.
Schritt 2: Machtspiele kontern – ohne Eskalation
Direkt empathisch auf ein Gegenüber zu reagieren, das gerade ein Machtspiel betreibt, gelingt selten – vor allem, wenn ich selbst emotional aufgewühlt bin. Und Menschen im Machtmodus sind meist ohnehin nicht gut erreichbar.
Deshalb halte ich es für notwendig, sich nicht-eskalierende Konterstrategien zuzulegen – präzise, klar, selbstbewusst.
Ich übe das Schritt für Schritt. Nach jeder verlorenen Machtspiel-Situation frage ich mich: Was hätte ich besser reagieren können, als ich konkret reagiert habe? Ich formuliere daraus „Wenn-dann-Sätze“ und notiere sie. Diese Übung ist psychologisch gut erforscht – und erstaunlich wirksam. Beim nächsten Mal fällt mir im entscheidenden Moment genau der passende Satz ein.
Hier einige Beispiele zum Üben:
- „Du findest meinen Vorschlag blöd? Ich sehe das anders.“
- Wenn mir niemand zuhört: mitten im Satz aufhören, schweigen, dann neu ansetzen.
- Wenn jemand die Augen verdreht: der Person ruhig in die Augen schauen.
- „Du scheinst dir sehr sicher zu sein. Was macht dich so sicher?“
- „Du sprichst mit viel Überzeugungskraft – gibst du auch anderen Ideen eine echte Chance?“
- „Ich habe gerade einen Vorschlag gemacht – und niemand hat reagiert. Wie soll ich das verstehen?“
- „Es tut mir leid, dass du dich aufregst.“
- „Mit Druck erreichst du bei mir gar nichts.“
- „Ich höre mir deinen Vorschlag gerne an – das geht aber besser, wenn du ruhig sprichst.“
Abschluss
Innere Präsenz und die Fähigkeit, auf Machtspiele nicht reflexhaft zu reagieren, sind kein Ziel, das man erreicht – sondern ein Weg, den man immer wieder neu betritt. Es geht nicht darum, alles im Griff zu haben oder stets souverän zu wirken. Es geht darum, sich selbst zu spüren, handlungsfähig zu bleiben und aus der eigenen Mitte heraus zu agieren – auch in schwierigen Gruppenmomenten.
Wenn wir lernen, inmitten von Druck, Widerstand oder subtiler Abwertung nicht auszusteigen, sondern bewusst zu bleiben, entsteht etwas Neues: Wir gewinnen nicht nur an persönlicher Klarheit, sondern wir schaffen im Feld der Gruppe eine andere Qualität von Beziehung. Eine, die auf Präsenz, Respekt und Selbstverantwortung gründet.
Solche Haltung wirkt. Still, aber nachhaltig. Sie verändert Gesprächskulturen, stärkt Vertrauen und öffnet Räume für echte Zusammenarbeit – selbst da, wo bisher nur Reibung war. Und manchmal, ganz leise, beginnt auch das System, sich neu zu sortieren.

Über Barbara Küchler
Sie ist eine engagierte Schweizer Organisationsentwicklerin Coach und Autorin. Mit viel Herz und Gespür begleitet sie Menschen, Teams und Unternehmen auf ihrem Entwicklungsweg. Ihr Fokus liegt auf individueller und organisatorischer Stufenentwicklung. Sie erachtet ihren «Resonanzkörper» als ihr wichtigstes Arbeitsinstrument.. Durch kluge Impulse und tiefes Vertrauen in das Potenzial jedes Einzelnen hilft sie dabei, neue Perspektiven zu entdecken und nachhaltige Veränderungen zu gestalten.
In ihrem neuesten Buch “Weil es so nicht weiter geht” beschreibt sie detailliert und
nachvollziehbar die individuelle Entwicklung von Stufe 3 bis Stufe 8 inkl. vieler
Übungen.
Webseite: Entwicklung von Mensch und Organisation verstehen/fördern



6 Responses
Vielen Dank für deinen Beitrag, liebe Barbara!
Ich habe lange nach einer praktischen und einfachen Definition von «Macht» für mich gesucht. Ich war auf der Suche nach einer Definition, die mir hilft, Macht (und ihre Auswirkungen) treffsicherer zu benennen und mich angemessen dazu verhalten zu können.
Letztlich bin ich bei folgender Definition für Macht angekommen: «Andere so beeinflussen können, dass sie gegen ihren Willen handeln.»
Ein Machtspiel wäre demnach ein Spiel, das diese Beeinflussung ermöglicht. Mir scheint diese Definition passend zu deinen im Artikel aufgezeigten Strategien. Siehst du das auch so?
Das könnte auch Ausgangspunkt für einen weiteren hilfreichen Schritt für einen konstruktiven Umgang mit Machtspielen sein: Mir bewusst werden, was mein Wille eigentlich ist. Und dann spielerisch in die innere Gelassenheit gehen.
Liebe Barbara – danke für den Beitrag und Simon, dir für deine inspirierende Definition, die die Macht für mich sehr treffend beschreibt. Ich würde „… gegen ihre Interessen zu handeln …„ formulieren, denn die Interessen sind im Gegensatz zum Wille nicht immer so klar, was beeinflussbarer macht.
Vielen Dank! Das finde ich eine sinnvolle Ergänzung bzw. Präzisierung.
Liebe Barbara – danke für den Beitrag und Simon, dir für deine inspirierende Definition, die die Macht für mich sehr treffend beschreibt. Ich würde „… gegen ihre Interessen zu handeln …„ formulieren, denn die Interessen sind im Gegensatz zum Wille nicht immer so klar, was beeinflussbarer macht.
Lieber Simon, Liebe Alexandra,
ich würde Macht generell etwas weniger eng definieren im Sinne von «so Einfluss auf andere nehmen, dass sie in meinem Sinne handeln». Manchmal reicht es ja schon aus, wenn es gelingt andere von einer bestimmten Handlungsweise zu überzeugen.
Und in einer sehr reifen Form von Macht, wird daraus «so gegenseitig aufeinander Einfluss nehmen, dass wir im gemeinsamen Sinne handeln».
In der Handlungslogik der Stufe 3 empfinden wir die Impulse anderer Menschen oft als störende Konfliktquelle und dann wir daraus genau die von Simon beschriebene Macht: «ich nehme so Einfluss, dass andere in meinem Sinne handeln, auch dann, wenn das gegen ihre eigenen Interessen ist».
Liebe Barbara,
Danke! Ja, meine Machtdefinition ist tatsächlich eine für «Macht über andere» (power over), nicht für «gemeinsame Wirkmächtigkeit» (power with).
Und «andere so beeinflussen, dass es gut kommt», ist meine Definition von Führung 😊
Vielleicht sollte ich noch vorn etwas hinzufügen: «auf verletzliche, zuhörende und transparente Art andere so beeinflussen, dass es gut kommt» – um Manipulation nicht mit einzuschliessen.
Allerdings ist mir das zu lang für einen Merksatz 😇
Einfluss für alle und Handeln aus einer konstruktiven, lebensbejahenden Verantwortung ist ja eine der Aspirationen in der Vision der IP – die Intelligenz des Herzens.
Einfluss auf andere nehmen, ist gut und wichtig – wenn wir das im Einklang mit ihnen machen und die von dir beschriebenen konstruktiven Konflikte gemeinsam navigieren.
Merci für deine Beiträge! 💛